
29.01.2009, 10:24 Uhr | FTD, Friederike Meier-Burkert
Tempo feiert Geburtstag. (Foto: ddp)
Weich muss es sein. Fest muss es sein. Für Oskar Rosenfelder war das kein Widerspruch. 1929 erfand er das Papiertaschentuch. Vom Erfolg profitierten jedoch andere.
Stofftaschentücher im vielfältigen Einsatz
Es war riesig oder zierlich, mit Monogramm bestickt, mit Spitze verziert oder leicht parfümiert. Es wurde frisch gestärkt in Falten gelegt, am Busen getragen oder im Ärmel verborgen. Männern trocknete es Schweiß und Tränen, diente als Sonnenschutz auf der Glatze oder als knotengestützte Erinnerungshilfe.
Nicht zum Naseputzen geeignet
Damen konnten es schamhaft vors Gesicht schlagen, verzweifelt in den Händen wringen oder gezielt fallen lassen. Nur zum Naseputzen war das Stofftaschentuch nicht sehr gut geeignet. Einmal benutzt, taugte es weder zum Liebesgruß noch als Modeaccessoire.
Papier als Alternative
Für die arbeitenden Massen blieb das Baumwolltuch ohnehin unerschwinglich. Was wäre mit Papier als Alternative? Jahrzehntelang bringen Versuche wenig überzeugende Ergebnisse. Bis sich Emil und Oskar Rosenfelder der Sache annehmen. 1905 steigen die Söhne eines jüdischen Hopfenhändlers als Teilhaber in die "Bamberger Closetpapierfabrik" ein, gründen bald darauf in Nürnberg die Vereinigten Papierwerke und bauen im Nachbarort Heroldsberg eine hochmoderne Fabrik.
Marke wird geboren
Seine Erfahrung mit Toilettenpapier und Damenbinden (Camelia) nutzt Oskar Rosenfelder für seine größte Erfindung: Unter der Marke Tempo lässt er "das erste Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff" am 29. Januar 1929 beim Reichspatentamt eintragen.
"Mehr Hygiene und Komfort"
Das Produkt, 18 Papiertüchlein, gefaltet und in knisterndem Pergament verpackt, trifft den Zeitgeist. Die Idee von "mehr Hygiene und Komfort durch Wegwerfen statt Waschen", die Rosenfelder mit Anzeigen in Illustrierten massiv bewirbt, setzt sich im Eiltempo durch. 1933 produzieren die Vereinigten Papierwerke schon 35 Millionen Päckchen Tempo-Tücher.
Nationalsozialisten vertreiben Gründer
Der Erfolg weckt nationalsozialistische Begehrlichkeiten. Nach einer Hetzkampagne gegen die "Camelia-Juden" müssen die Rosenfelders Deutschland verlassen. Der Versandhändler Gustav Schickedanz (Quelle) erwirbt die Vereinigten Papierwerke zu einem günstigen Preis. Bis zum Kriegsausbruch steigert Schickedanz die Tempo-Produktion auf rund 400 Millionen Taschentücher jährlich.
Durchbruch in Wirtschaftswunderzeit
In der Wirtschaftswunderzeit setzt sich das Wegwerfprodukt endgültig durch. Neu sind Verpackungen mit Seitenperforierung und der "Brechpack", eine quadratische Doppelpackung. Der Tempo-Schriftzug wird modernisiert und erhält seine heutige Form. 1955 werden mehr als eine Milliarde Tempo-Packungen produziert, 1962 sind es schon mehr als vier Milliarden.
Synonym für Papiertaschentücher
Durch den 1963 zum Patent angemeldeten "Tempo-Griff" lässt sich das Taschentuch auch mit einer Hand entfalten, ab 1975 noch bequemer durch die "Z-Faltung". Mit dem vertrauten Knistern ist 1978 Schluss, Plastikfolie ersetzt die alte Pergamentverpackung. Tempo wird bereits in 40 Länder exportiert und ist dort Synonym für Papiertaschentücher schlechthin. Nur die Amerikaner sind bis heute resistent - sie zupfen lieber Kleenex aus der Großpackung.
Verkauf von 20 Milliarden Packungen jährlich
1994 übernimmt Procter & Gamble das Unternehmen, macht Tempo "durchschnupfsicher" und "noch weicher" und gibt es 2007 weiter an Svenska Cellulosa (SCA). Inzwischen werden weltweit jährlich rund 20 Milliarden Tempo-Packungen verkauft.
Wohnsiedlung am Platz der alten Fabrik
Die alte Fabrik in Heroldsberg wurde im vergangenen Jahr abgerissen. Hier entsteht jetzt eine schmucke Wohnsiedlung mit einer Oskar-Rosenfelder- und einer Dr. Gustav Schickedanz-Straße.
FTD, Friederike Meier-Burkert
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