aktualisiert am 14.09.2009, 10:45 Uhr | t-online.de/business
Psychostress führt oft zu körperlicher Erschöpfung. (Foto: Imago)
Wenig Personal, starker Zeitdruck, hohe Verantwortung: In den meisten deutschen Betrieben steigt die psychische Belastung der Mitarbeiter entsprechend. Zu dem Ergebnis kommt eine Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung unter Betriebsräten. Die Studie zeigt außerdem, wen der Stress besonders hart im Griff hat und welche Rolle die Wirtschaftskrise dabei spielt.
Die Lage in den deutschen Betrieben ist für die Mitarbeiter demnach alarmierend angespannt: In 84 Prozent der Firmen arbeiten Mitarbeiter dauerhaft unter hohem Zeit- und Leistungsdruck, berichteten die Betriebsräte. Betroffen sind in diesen Unternehmen nicht nur einzelne Beschäftigte mit speziellen Aufgaben, sondern mit durchschnittlich 43 Prozent fast die Hälfte der Belegschaft.
Zudem haben die psychischen Belastungen für die Mitarbeiter in den letzten drei Jahren zugenommen - das sagten 79 Prozent der befragten Betriebsräte über ihren Betrieb. Besonders stark unter Druck stehen demnach Beschäftigte in Dienstleistungsberufen sowie in den Branchen Verkehr, Nachrichten und Telekommunikation. Dort ist der Umfrage zufolge etwa jeder Zweite betroffen.
Ein alarmierendes Signal, denn für die Unternehmen werden die zunehmenden Erkrankungen teuer: Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) bezifferte im letzten Jahr den volkswirtschaftlichen Schaden durch Krankmeldungen aufgrund von psychischen Belastungen auf rund 6,3 Milliarden Euro. Die Hälfte davon entstand laut BKK durch Produktionsausfälle.
Als Ursachen für den hohen Stress nennen 84 Prozent der Arbeitnehmervertreter eine zu enge Personaldecke, 79 Prozent die hohe Eigenverantwortlichkeit von Beschäftigten und 75 Prozent die Abhängigkeit von Kundenvorgaben. "Durch neue Organisationsformen in den Unternehmen steuern zunehmend Kundenvorgaben und Ergebnisorientierung den Arbeitsrhythmus. Und das mit immer weniger Personal", sagt WSI-Forscherin Elke Ahlers.
Flachere Hierarchien und mehr Eigenverantwortlichkeit können ebenfalls zum Belastungsfaktor werden. So gaben 58 Prozent der befragten Betriebsräte an, dass Mitarbeiter regelmäßig mit Umsatz- und Renditezahlen konfrontiert und daran gemessen würden. "Für die Beschäftigten ist das ein zweischneidiges Schwert: Die neue Freiheit bezahlen viele mit Arbeitsverdichtung und Leistungsdruck", erklärt Ahlers. 37 Prozent der Betriebsräte beobachten in ihrem Arbeitsalltag, dass Beschäftigte mehr als neun Stunden am Tag arbeiten - und damit deutlich länger, als vertraglich vereinbart.
Zum Zeitpunkt der Befragung - kurz nach Beginn der Wirtschaftskrise - hatte die aktuelle Auftragslage der Unternehmen offenbar kaum Einfluss auf den Zeit- und Leistungsdruck: Den Anteil der Beschäftigten unter Dauerstress schätzten die Betriebsräte sehr ähnlich ein - unabhängig davon, ob die Auftragsbücher in ihrem Unternehmen gut gefüllt waren, oder nicht. Für die Zukunft erwartet WSI-Expertin Ahlers allerdings durch die Krise eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen: "Die Personaldecke in den Betrieben wird noch dünner, die Angst vor dem Jobverlust zunehmen. Dies dürfte sich negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirken", so Ahlers.
Für die WSI-Umfrage wurden zwischen September 2008 und Januar 2009 1700 Betriebsräte interviewt. Die Analyse ist repräsentativ für Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten und Betriebsrat. In diesen Firmen arbeiten in Deutschland rund zwölf Millionen Menschen.
Auch dem kürzlich veröffentlichten Gesundheitsreport der DAK zufolge ist mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer bereits von typischen Anzeichen für eine psychische Erkrankung betroffen: Dazu zählen zum Beispiel Schlafstörungen (53 Prozent), depressive Verstimmungen (37 Prozent), Nervosität (36 Prozent) und Konzentrationsstörungen (32 Prozent). Besonders Frauen, ältere Arbeitnehmer und Menschen mit einem geringen Einkommen sind demnach belastet.
Der Gesundheitsreport der Barmer kommt zu dem Ergebnis, dass psychische Probleme inzwischen der zweitwichtigste Grund für krankheitsbedingte Fehltage sind. In den vergangenen fünf Jahren habe sich der Anteil an Fehlzeiten bei den Mitgliedern der Kasse mit der Diagnose "Psychische und Verhaltensstörungen" um 51 Prozent erhöht. Bei der DAK ist der Anteil der Beschäftigten, die aufgrund psychischer Erkrankungen ausfallen, in den vergangenen zehn Jahren sogar um rund 60 Prozent gestiegen.
Hinweise auf eine Überbelastung der Mitarbeiter können Experten zufolge etwa ein verändertes Verhalten und reduzierte Leistungen sein. Manche Anzeichen kann der Chef selbst erkennen, wie etwa hohe krankheitsbedingte Ausfallzeiten. Auffällige Hinweise sind zudem Selbstgespräche, zwanghaftes Benehmen oder eine verzerrte Wahrnehmung. Ein Signal für eine psychische Erkrankung kann außerdem der Rückzug des Betroffenen vom Team oder starke Gereiztheit sein. Auch wenn ein Arbeitnehmer sehr langsam arbeitet oder häufig gar nicht im Job erscheint, kann das auf eine seelische Störung hindeuten.
Um die Situation zu verbessern, sollten Chefs daher möglichst früh mit den Betroffenen sprechen - möglichst unter vier Augen. "Je früher auffällige Veränderungen im Verhaltens- und Leistungsbereich angesprochen werden, umso eher ist es möglich, Hilfe zu leisten", heißt es im Leitfaden des BKK Bundesverbands und der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (BApK e.V.), "Psychisch krank im Job - Was tun?". Im Gespräch mit dem Betroffenen lassen sich meist schnell die Ursachen für den Stress klären - wie etwa Angst um den Job, Mobbing, zu viel Routinearbeiten oder anstrengende Nachtschichten.
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