
14.12.2009, 11:23 Uhr | Financial Times Deutschland, Torben-Gerd Schultz
Trotz Wirtschaftskrise gibt es bei vielen Mittelständlern eine Weihnachtsfeier. (Foto: Imago)
Die deutsche Wirtschaft darbt. Dennoch leisten sich viele Unternehmen eine Weihnachtsfeier. Sie ist nicht nur Kostenfaktor, sondern stärkt Gemeinschaftsgefühl und Motivation der Mitarbeiter - gerade in Krisenzeiten.
In der Kantine des Wurstherstellers Rügenwalder in Bad Zwischenahn dampft Ente à l'orange auf Silbertabletts. 360 Mitarbeiter lassen es sich schmecken zwischen Tannenzweigen und Teelichten. Später wollen sie noch tanzen - so, als gebe es gar keine Wirtschaftskrise. "Wir spüren die Krise", sagt eine Rügenwalder-Sprecherin. "Aber es geht uns etwas besser als anderen Wirtschaftszweigen." Im Vergleich sogar deutlich besser. Zwischen Januar und September verzeichnete die Branche ein Umsatzminus von 4,3 Prozent. Nach Angaben der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie nahm die Produktion im selben Zeitraum nur um 0,5 Prozent ab. Rügenwalder hat dafür eine einfache Erklärung: "Essen müssen die Leute immer."
Wenn man Umfragen glauben will, ist die Stimmung unter Deutschlands Mittelständlern mies. Vier von fünf Chefs würden nicht mehr Unternehmer werden wollen, wenn sie die Wahl hätten. Das ergab eine Umfrage unter mehr als 2300 Firmen im Rahmen des Deutschen Mittelstandsbarometers. "Der Spaß am Unternehmertum und damit die Grundlage für den Aufbau und den Erhalt eines Unternehmens ist verloren gegangen", sagt Michael Lingenfelder von der Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft. Der Studie zufolge will jeder vierte Mittelständler 2010 Stellen streichen. Doch die betriebliche Weihnachtsfeier streichen nur wenige.
"Alle verbindlichen Feierlichkeiten wirken positiv aufs Gemeinschaftsgefühl der Mitarbeiter", sagt Organisationsberaterin Christiane Erbel aus Solingen. Zwar kosteten Weihnachtsfeiern Geld, sie brächten aber auch Gewinn: Motivation und Identitätsstiftung. "Prozesse kommen schneller in Gang, wenn man sich persönlich kennt", sagt Erbel. "Gerade in Unternehmen, in denen man sich nicht mehr täglich begegnet."
Wie beim Autozulieferer Friedrich Boysen im baden-württembergischen Altensteig. Mit 1600 Mitarbeitern zählt er schon zu den großen Unternehmen. Auch hier feiern sie Weihnachten: "Der Geschäftsführer wird eine Rede halten, und dann singen wir gemeinsam Weihnachtslieder", sagt ein Sprecher.
Den meisten Beschäftigten in der Automobilindustrie ist derzeit nicht nach Singen zumute. Zwar sind die Neuzulassungen auf dem deutschen Markt von Januar bis September nach Angaben des Automobilverbands VDA um 26 Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum sank die Fertigung aber um 18 Prozent. Entsprechend erwartet der Kreditversicherer Euler Hermes für 2009 eine Verdreifachung der Insolvenzen in der Autoindustrie.
Dem Zulieferer Boysen, der etwa BMW und Daimler mit Abgastechnik versorgt, wird dieses Schicksal wohl erspart bleiben. Erlösen von 645 Millionen Euro 2008 stehen in diesem Jahr rund 630 Millionen Euro gegenüber. "Und selbst, wenn es nicht so wäre", sagt der Boysen-Sprecher, "die Weihnachtsfeier ist eine der letzten Dinge, die unser Geschäftsführer streichen würde." Das ganze Jahr über werde Leistung erbracht, da bleibe wenig Zeit, um einmal in Ruhe ins Gespräch zu kommen. "Die Weihnachtsfeier ist eine Tradition bei Boysen - und die wird weitergeführt."
Dass viele Unternehmenslenker so denken, kann Marco Thomson bestätigen. Er betreibt das Restaurant Kaisers in der Hamburger Hafencity. "An der Buchungslage für betriebliche Weihnachtsfeiern hat sich zum Vorjahr nichts geändert", sagt er. Das unterstreicht der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband. "Die Buchungen sehen zur Zeit stabil aus", so ein Dehoga-Sprecher. Aber: "Die Menüs werden kleiner" - und damit auch der Umsatz im Gastgewerbe. Das hat auch Kaisers-Inhaber Thomson gemerkt: "Wir mussten deutlich im Preis runtergehen, zwischen 30 und 40 Prozent. Dieses Jahr ist einfach nichts zu holen."
Beim Hamburger Spezialmaschinenbauer Hengstebeck + Eich spürt man die Wirtschaftsflaute erst seit Kurzem. "Wir haben wenig gemerkt von der Krise bis vor zwei Monaten", sagt Geschäftsführer Walter Eich. "Jetzt haben wir bis zu 50 Prozent weniger Aufträge." In der gesamten Branche sind die Auftragseingänge im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 40 Prozent zurückgegangen. "Die Stimmung in den Unternehmen ist trotzdem nicht mies", sagt Olaf Wortmann, Konjunkturexperte beim Branchenverband VDMA. "Viele sagen sich: Wir krempeln die Ärmel hoch und packen an."
Bei Hengstebeck + Eich würden sie, wenn sie könnten. 33 Mitarbeiter sind derzeit in Kurzarbeit. Weihnachtsgeld hat das Unternehmen trotzdem voll bezahlt - keine Selbstverständlichkeit in der Krise. "Wir haben immer gut dagestanden", sagt Geschäftsführer Eich. "Uns drückt es finanziell nicht". Zumindest noch nicht. Ob es eine Weihnachtsfeier geben wird, entscheidet sich in den kommenden Tagen. Eich: "Das hängt auch von der Stimmung der Mitarbeiter ab. Aber wir wollen die gute Leistung unserer Mannschaft honorieren."
Financial Times Deutschland, Torben-Gerd Schultz
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