
01.02.2010, 12:37 Uhr | FTD, Nicolas Schöneich
Kollegen und Freunde - das kann der Arbeit durchaus gut tun. (Foto: Imago)
Wenn Kollegen zu Kumpeln werden, macht das den Arbeitsalltag angenehmer. Freundschaft kann sogar die Produktivität steigern - solange der Schreibtisch nicht zum Stammtisch wird.
Der neue Job, die neue Stadt, die neue Wohnung. Schön, aufregend - aber auch ein bisschen einschüchternd. Noch kennt man nichts und niemanden im neuen Unternehmen. Aber plötzlich sind da andere, denen es genauso geht. "Am Anfang denkt man: 'Das sind meine neuen Kollegen'", sagt Tim Kölsch, der in der Deutschland-Dependance eines amerikanischen Konsumgüterherstellers arbeitet. "Dann merkt man: Wir haben die gleiche Wellenlänge, die gleichen Interessen, den gleichen Hintergrund. Man versteht sich einfach." Und irgendwann nennt man diese Menschen nicht mehr Kollegen. Sondern Freunde.
Privatsache, eigentlich. Doch manche Unternehmen fördern Bürofreundschaften gezielt, weil sie auch der Firma nutzen. Tim Kölschs Arbeitgeber zum Beispiel. Bevor neue Kollegen hier einen Schreibtisch oder eine Durchwahl haben, haben sie schon einen Kumpel. Die Berufseinsteiger haben einige Wochen zuvor Post erhalten. Von einem Kollegen, den sie bis dahin nie getroffen haben und der sich ihnen als Begleiter beim Berufsstart andient. "Buddy-Programm" nennt sich das. Kumpelprogramm. Der Versuch, Nähe zwischen Mitarbeitern strategisch zu fördern. Es sei Politik der Unternehmensführung, dass "Arbeitskollegen auf ein höheres Level kommen als das reine Kollegendasein", sagt Kölsch, Mitinitiator und Buddy.
Denn Freundschaft am Arbeitsplatz ist nützlich: Je besser man sich untereinander versteht, desto besser ist auch das Arbeitsklima. Das hat nicht nur gefühlte, sondern auch messbare Auswirkungen: Man kommt morgens gern ins Büro, bleibt klaglos auch mal etwas länger. Man selbst und das Team funktioniert besser, die Produktivität steigt - so profitiert der Arbeitgeber: "Bei einem Freund weiß ich gleich, was er von mir will", sagt Tim Kölsch, "wenn ich sein Ziel verstehe, kann ich es schneller umsetzen, ihm schneller helfen."
Doch es braucht keine amerikanische Unternehmenskultur, um die Nähe zu Kollegen zu suchen. Immer mehr Menschen im Lande von "Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps" trinken offenbar immer öfter mal einen mit Kollegen: Als die Online-Stellenbörse Monster im vergangenen September ihre Nutzer zum Thema befragte, gab nur ein Drittel der deutschen Teilnehmer an, Beruf und Freizeit strikt zu trennen. Immerhin ein Viertel hat Kollegen im Freundeskreis, 40 Prozent unternehmen mit ihnen "ab und an" etwas.
"Wir legen Wert darauf, dass man gut miteinander arbeitet", sagt der Chef eines rheinland-pfälzischen Mittelständlers mit 3300 Angestellten. Wenn sich daraus Freundschaft entwickle, sehe er das positiv: "Freundschaft fördert die Arbeitsmoral." Denn Freunde stützen einander weit besser, als es Kollegen könnten: Aus kollegialer Hilfe im Berufsalltag wird Rückendeckung, wenn der Chef mal wieder nicht weiß, wohin mit seinem Zorn, wird Vertrauen in die Kompetenz des anderen, wird seelische Unterstützung im Krisenfall: "Wenn einem der erste Patient wegstirbt, können das Kollegenfreunde viel besser nachvollziehen", sagt die angehende Ärztin Johanna Kaiser*.
Und auch charakterlich nutzen sie einander: "Freunde können sich offeneres Feedback geben, als es vielleicht Vorgesetzte oder Kollegen tun. Ein Freund kann besser auf heikles Verhalten hinweisen", sagt der Frankfurter Sozialpsychologe Hermann Refisch.
Hier fangen jedoch die Probleme an. Wachsen Kollegen freundschaftlich zusammen, verquicken sich auch deren Freizeit und Beruf. Gelingt es Kollegenfreunden dann nicht, beide Sphären wenn nötig wieder zu trennen, übertragen sich private Probleme rasch auf das Arbeitsverhältnis - und umgekehrt.
"Ich saß mal mit zwei Männern auf dem Zimmer", erinnert sich die Verlagsangestellte Marie Köhler*, "die bezeichneten einander als beste Kumpels. Einer hatte zwei Kinder und baute gerade ein Haus. Der hat sich dann beruflich nicht sonderlich engagiert." Arbeit blieb liegen, Aufgaben, die sonst zwei Leute erledigt hatten, blieben an einem hängen, weil der andere Dienst nach Vorschrift schob. Irgendwann sei es mehrfach laut geworden, darauf folgte eine böse E-Mail des Überlasteten, schließlich drei Wochen private wie berufliche Funkstille - und das obwohl beider Aufgabengebiete unmittelbar zusammenhingen.
Problematisch kann es auch werden, wenn sich die Freunde zu gut verstehen. "Die Gefahr besteht, dass sich zwei sehr Vertraute abschotten und andere sich ausgeschlossen fühlen", sagt die Hamburger Psychologin und Trainerin Elke Overdick. Träten Freunde stets zu zweit auf oder steckten auf dem Gang die Köpfe zusammen, mache das Dritte skeptisch. Die Konsequenz für die Freunde: Sie würden von der Kommunikation abgeschnitten.
"Freunde können auf den Chef bedrohlich wirken", sagt Overdick. "Er sollte davon ausgehen, dass eine Information nie bei dem einen bleibt." Gelangten Informationen zu den Freunden, bestünde zudem immer die Gefahr, dass diese sie nicht weitergeben. Als Ausweg rät sie, "auch mal mit anderen mittagessen" zu gehen, Offenheit zu signalisieren und Informationen nicht zu bunkern. Refisch empfiehlt: "Schweigen Sie nicht schlagartig, wenn jemand reinkommt. Fragen Sie etwas, um die weitere Person ins Gespräch einzubinden. Und seien Sie vor Publikum auch mal unterschiedlicher Meinung."
Steigt von zwei Freunden einer in der Unternehmenshierarchie auf, kann das an der Freundschaft kratzen. Einerseits für den neuen Vorgesetzten, dem man unterstellt, er werde bei der nächstbesten Gelegenheit seinen Freund hinaufhieven. Andererseits aber vor allem für den Zurückbleibenden. "Die anderen Teammitglieder müssen immer fürchten, dass Informationen nach oben fließen. Und es besteht die Gefahr, dass der nicht aufgestiegene Freund vom Team als Sprachrohr instrumentalisiert wird. Andererseits kann der Höherrangige mit dem Freund nicht mehr über alles sprechen", sagt Overdick.
FTD, Nicolas Schöneich
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