Mit der Phoenix-Blackbox sollen im Katastrophenfall nie wieder Daten verloren gehen (Foto: mm)Ob Erdbeben, Feuer oder Flugzeugabsturz: Auch Rechenzentren sind von Naturkatastrophen und Unfällen bedroht. Weil Ausfallzeiten teuer und Daten oft unwiederbringlich verloren gehen können, soll jetzt ein neues System Sicherheit bringen: Der Flugdatenrekorder fürs Unternehmensnetz.
Die Beschriftung des Stahlkastens lässt keine Zweifel an seiner Bestimmung aufkommen. "Built to last", zu deutsch also in etwa "für die Ewigkeit gebaut", steht auf die schwarze Frontplatte geschrieben. Ein wenig irreführend ist das schon. Denn eigentlich ist die Aufgabe der gut Kühlschrank-großen Box, die nur mit Hilfe von vier schweren Möbelrollen über den Betonfußboden manövriert werden kann, eher kurzfristiger Natur: Sie soll aushalten, worunter alles andere zusammenbricht. Vor allem aber soll sie zusammenhalten, was sonst womöglich verloren ginge: Digitale Daten.
Zuletzt geschriebenen Daten sollen überleben
Egal welche Katastrophe einem Rechenzentrum widerfährt, Erdbeben, Feuer oder gar Terroranschlag, in der Phoenix genannten Blackbox sollen zumindest die zuletzt geschriebenen Daten überleben. Wie der Feuervogel, nach dem das System benannt ist, aus seiner Asche wieder ersteht, soll auch die Blackbox dafür sorgen, dass Daten, die nach einem Unglück normalerweise verloren wären, gesichert werden, damit die betroffene Firma binnen kurzer Zeit wieder den Betrieb aufnehmen kann - sofern ein Ausweichrechenzentrum zur Verfügung steht.
Eine Backup-Momentaufnahme in Echtzeit
Das Prinzip des Phoenix ist simpel: Jedes Bit, das in die Speicherbänke des Rechenzentrums geschrieben wird, landet zeitgleich auch in der Blackbox, wird dort für einen definierbaren Zeitraum zwischengespeichert. Auf diese Weise soll die Lücke gefüllt werden, die selbst dann entsteht, wenn Firmen ihre Daten zur Sicherheit in einem externen Rechenzentrum spiegeln. Das nämlich ist nach Angaben der israelischen Herstellerfima Axxana nur asynchron, also nicht in Echtzeit, möglich. Die Blackbox hingegen fertige eine Art kontinuierlichen Backup an, der überschrieben wird, sobald der Speicher voll ist und die Daten ins externe Rechenzentrum überspielt wurden. Der Hersteller bezeichnet das System deshalb in Anlehnung an Flugschreiber, die Flight Data Recorder (FDR) von Flugzeugen, als Enterprise Data Recorder (EDR), zu deutsch Firmendatenrekorder. Anders als die in Leuchtfarben lackierten Flugdatenrekorder wird der Phoenix allerdings in dezentem Schwarz ausgeliefert.
Die schwarze Hülle des Phoenix ist jedoch nur Kosmetik. Sie soll dem Gerät offenbar ein halbwegs ansehnliches Äußeres verschaffen. Der eigentliche Datensafe steckt in einem knallorange lackierten Behälter, der mehr nach Ölfaß als nach Hightech aussieht. Die schrille Warnfarbe soll wohl dafür sorgen, dass Bergungsarbeiter den Datenschreiber beim Wühlen im Schutt ganz sicher nicht übersehen. Dabei ist man zum Bergen der Daten gar nicht darauf angewiesen, das Gerät überhaupt zu sehen. Ein integrierter Peilsender soll dafür sorgen, dass Datenretter den Phoenix auch unter Bergen von Schutt schnell und zielsicher finden. Ist der Kasten dann ausgebuddelt, sollen sich die darauf gesicherten Daten über einen speziell gesicherten Netzwerkanschluss per Notebook auslesen lassen.
Daten lassen sich auch drahtlos auslesen
Aber selbst darauf ist man laut Axxana nicht angewiesen, um an die Aufzeichnungen zu gelangen. Sollte das Ausbuddeln nämlich zu lange dauern, zu gefährlich oder zu kompliziert sein, lassen sich die Daten auch drahtlos auslesen. Per Fernsteuerung soll ein Funkmodul aktivierbar sein, über das man eine drahtlose Netzwerkverbindung aufbauen kann. Für sechs Stunden Funkbetrieb soll der Strom ausreichen, den die Akkus bereitstellen, danach muss man doch zur Schaufel greifen.
iPod-Speicher statt Festplatte
Ob diese Zeit ausreicht, um die in der Blackbox zwischengelagerten Daten auszulesen, hängt natürlich von den jeweiligen Umständen ab: Je dicker und feuchter der Schutt, unter dem die Blackbox nach einer Katastrophe begraben liegt, umso geringer fällt die Datenübertragungsrate aus. Und ob die ausreicht, um den gesamten Speicher auszulesen, hängt natürlich auch davon ab, wie groß der eingebaute Speicher ist. Im Vergleich zu herkömmlichen Backup-Systemen fällt der allerdings ausgesprochen mager aus. Zwischen 72 und 300 Gigabyte-Speicher bietet der Hersteller seinen Kunden an. Der Grund: Anstelle von Festplatten oder Bandgeräten nutzt der Phoenix Flash-Speicherbausteine, wie sie beispielsweise in MP3-Playern, einigen Netbooks und Digitalkameras verwendet werden. Die sind viel robuster als die sonst üblichen magnetischen Medien.
Barbecue und Wasserbad
Und robust ist der Phoenix. Dem Hersteller zufolge soll er etwa bei einem Brand eine Stunde lang Temperaturen von mehr als 1000 Grad Celsius widerstehen können, sich im Anschluss an dieses Barbecue noch weitere sechs Stunden bei 250 Grad köcheln lassen, bevor er Schaden nimmt. Auch gegen den Druck einer zehn Meter hohen Wassersäule sei er gefeit, verspricht Axxana. Die Daten bleiben demnach auch dann noch sicher geschützt, wenn das Rechenzentrum umfangreichen Löschmaßnahmen ausgesetzt ist oder einer Sturmflut zum Opfer fällt.
Gegen mechanische Einwirkungen gesichert
Logisch, dass so ein Speicherschrank auch gegen mechanische Einwirkungen gesichert ist. So stört sich der Phoenix dem Datenblatt zufolge nicht einmal daran, wenn ihm der Himmel auf den Kopf fällt - solange dieser Himmel nicht mehr als zweieinhalb Tonnen wiegt. Und sollte das Rechenzentrum nicht im Keller, sondern in einem der oberen Geschosse der Firmenzentrale untergebracht sein, übersteht es der Apparat möglicherweise sogar, wenn er aus dem Fenster fällt. Beschleunigungswerte bis zum 40-fachen der Erdschwerebeschleunigung (40g, wobei g=9,81 m/s2) soll der 200-Kilo-Koloss klaglos wegstecken.
Sechsstelliger Dollar-Betrag
Noch aber musste sich der Daten-Phoenix außer in Labortests nicht beweisen. Das erste Serienexemplar sei Ende Januar bei einer israelischen Firma installiert worden, berichtet Cheftechechniker Alex Winokur in der " Jerusalem Post". Ohnehin sein man derzeit noch verhalten, weil man alle möglicherweise noch in dem Gerät versteckten Fehlerquellen ausschalten will, bevor man groß in dessen Vermarktung einsteigt. Sobald das erledigt ist, verspricht sich Winokur allerdings goldene Zeiten. Schließlich seien etwa in den USA immer mehr Firmen gesetzlich verpflichtet, für die Sicherheit ihrer Datenbestände Vorsorge zu tragen. Die müssen dann allerdings tief in die Tasche greifen, wenn sie sich eine Daten-Blackbox in den Keller stellen wollen. Zumindest ein sechstelliger Dollar-Betrag werde für ein solches Gerät fällig werden, sagt Axxana-Chef Eli Efrat - inklusive drei Jahren Garantie. Na, dann kann ja nichts mehr schief gehen - oder?
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