BoreoutAusgebrannt vor LangeweileErschienen am 19. November 2008 | t-online.de/business/sia
Boreout-Checkliste - Testen Sie sich Burn-out - Das sind die ersten Warnhinweise Mobbing - So können Sie dagegen halten Fotoshow - Was motiviert die Mitarbeiter? Tipps - Das können Sie für die Gesundheit tun Download - eBook Der Job, der zu mir passt Verdacht auf BoreoutAchten Sie einmal auf den Kollegen im Nachbarbüro: Hämmert der etwa jeden Tag stundenlang eifrig auf seiner Computertastatur herum - meist nur mit dem Zeigefinger? Konkrete Ergebnisse zeigt sein Eifer aber nicht? Experten wie Philippe Rothlin und Peter R. Werder würde das verraten, dass der Mann wahrscheinlich keine wichtigen Projekte anschiebt. Sondern Onlinespielen wie "Flashhuhn" frönt. Die Diagnose der Unternehmensberater würde lauten: dringender Boreout-Verdacht.Permanente UnterforderungBeim Boreout brennen permanente Unterforderung, Desinteresse an Firma und Arbeit sowie Langeweile den Erkrankten aus. So zum Beispiel Alex, den Rothlin und Werder in ihrem Ratgeber zu Wort kommen lassen. Um die Eintönigkeit seines Jobs zu überwinden, baut er - an unauffälliger Stelle - Fehler in seine Arbeit ein. Er macht sich einen Spaß daraus, Projektkosten schon mal in Rubel zu beziffern oder als Kontaktperson für die internationalen Netzwerke die Putzfrau anzugeben.Download - eBook Weniger arbeiten, mehr leben Download - eBook Jetzt wechsle ich den Job! Niemand merkt etwasAnsonsten spielt Alex im Büro online Sudoko, plant das Wochenende mit der Familie. Oft fühlt er sich so müde, dass er die Augen kaum offen halten kann. Dann flüchtet Alex für zehn Minuten auf die Toilette. An manchen Tagen verschwindet er im Takt von 30 Minuten zum stillen Örtchen. Tatsächlich gelingt es ihm, niemanden merken zu lassen, dass er kaum etwas Produktives leistet.Im falschen Job oder in der falschen FirmaIn den Boreout schlittern nach Rothlin und Werder Menschen, die in der Firma zu wenig und/oder nur Routinearbeiten zu tun haben. Ohne die Möglichkeit, den Job mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen, erstickt selbst anfängliches Engagement. Boreout-gefährdet ist außerdem, wer im falschen Unternehmen gelandet ist. Desinteressiert an der Firma und an seinen Aufgaben, dümpelt ein solcher Mitarbeiter am Schreibtisch lustlos vor sich hin. Jede Tätigkeit kostet ihn Überwindung.Milliarden-Schaden für UnternehmenDas Problem betrifft keine Minderheit: 87 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland fühlen sich gering oder gar nicht mit ihrer Firma verbunden, betonen Rothlin und Werder in "Diagnose Boreout". Sie berufen sich dabei auf eine Untersuchung der Gallup Organization. Der Grund für das negative Ergebnis laut Studie: Sieben von zehn Befragten haben keine Arbeitsstelle, die sie wirklich ausfüllt. Für die Firmen wird das teuer: Den gesamtwirtschaftlichen Schaden in Deutschland schätzen Rothlin und Werder auf mehr als 250 Milliarden Euro.Boreout entwickelt sich aus BurnoutDer Boreout, schreiben die Autoren, entwickelt sich aus dem klassischen Burnout, dem Ausgebranntsein durch beruflichen Stress. "In einem Team reißen ein oder zwei Leute die Arbeit an sich, für den Rest bleibt wenig übrig", sagte Philippe Rothlin im Gespräch mit stern.de. "Stress zu haben ist sozial erwünscht", fügte Peter Werder hinzu. "Wir wollten zeigen: Es gibt viele Menschen, die unterfordert sind, sich langweilen und stundenlang nichts tun."Betroffene sind keine FaulpelzeDas dagegen wird sozial kaum akzeptiert. Deshalb entwickeln Betroffene Strategien wie Alex, um ihr Nichtstun zu kaschieren. Entsprechend ähneln die Symptome des Boreouts denen des Burnouts: Wen der Boreout erwischt hat, der gibt sich beschäftig. Er kommt früh ins Büro und geht spät nach Hause. Nicht selten mit Akten unter dem Arm, die er nicht lesen wird. Geborene Faulpelze seien Menschen mit dem Boreout-Syndrom aber nicht, betonen die Experten. "Es sind Leute, die etwas leisten wollen. Sie sind nicht faul, sondern sie werden faul gemacht", sagte Peter Werder gegenüber stern.de.Firmen basteln an SymptomenSich aus der Abwärtsspirale des Boreout zu befreien, ist alles andere als leicht. Denn wenn der Betroffene die Krankheit realisiert, sei die Lust auf wirkliche Veränderung der Situation meist bereits auf der Strecke geblieben, so Rothlin und Werder. So wurschtele der Erkrankte sich lieber weiter mit privaten Dingen durch den Joballtag. Manche Firmen versuchen, dem Problem durch strikte Kontrollen den Garaus zu machen. Ihre Maßnahmen reichen von der Überwachung privater eMails und des Surfverhaltens der Mitarbeiter bis zur Kontrolle der Kaffeepausen-Dauer. Für die Experten basteln die Firmen damit nur an den Symptomen herum. Das Arbeitsklima leide unter solchen Maßnahmen, ebenso die Effizienz und Kreativität der Beschäftigten.Keine Alternative zu eigenverantwortlichem HandelnDie Lösung liegt für sie allein beim Betroffenen: Der müsse einsehen, dass er das für ihn Falsche tue - und handeln. Zum Beispiel, indem er im Gespräch mit dem Chef oder Vorgesetzten neuen Sinn in seinem Job entdeckt. Und Interesse am Unternehmen und sinnvoller Arbeit signalisiert. Auch im Arbeitsplatz an sich könne man den Sinn seiner Tätigkeit sehen. Ist gar kein Licht am Job-Horizont zu sehen, sehen Rothlin und Werder keine Alternative zur Kündigung und der Suche nach einer neuen Stelle. Dann allerdings einer weniger tristen. Wer bisher im falschen Beruf oder der falschen Branche gearbeitet hat, dem helfe meist nur ein vollkommener Neustart, um den Boreout loszuwerden.Philippe Rothlins und Peter R. Werders Buch "Diagnose Boreout" ist bei Redline Wirtschaft erschienen (136 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-636-01462-7).
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