
aktualisiert am 17.07.2009, 14:16 Uhr | FTD, Nikolaus Röttger und Anja Rützel
Mit einer knackigen E-Mail zum Abschied bleiben Sie den Kollegen noch lange im Gedächtnis. (Foto: Imago)
Noch einmal galant winken und dann still abtreten - oder zum Finale lieber mächtig auf die Pauke hauen? Wer seinen Arbeitsplatz verlässt, grübelt oft lange über die Abschiedsmail. Kleiner Tipp: Die Erwähnung von Adlersperma ist meist keine gute Idee.
Es waren nur wenige Worte, die Jason Shugars in die Betreffzeile seiner Mail schrieb, aber sie machten ihn schlagartig berühmt: "So long, suckers! I'm out" - "Bis dann, Ihr Lutscher! Ich bin weg!" Jetzt feiert das Internet den 34-Jährigen für diese zwei Sätze, mit denen er sich von seinen 5000 Kollegen bei Google verabschiedete; in Blogs und auf der Social News Website Digg.com wurde diskutiert, amerikanische Medien berichteten über Shugars - und der freute sich auf seiner Website über den Ruhm. "Ich liebe die Kommentare", schrieb er und fragte in Anspielung auf Andy Warhols Aussage, alle würden für 15 Minuten berühmt sein: "Wie viele Minuten Ruhm habe ich damit jetzt schon verbraten?"
Manche schreiben professionell kühl, fast kalt. Einige belassen es bei einem uninspirierten "So, das war's". Andere zitieren pathetische Liedzeilen wie "Dust in The Wind", wieder andere bemühen sich um heiteren Plauderton und finden es selbstverständlich kein bisschen schlimm, dass sie entlassen wurden, sondern: eine echte Chance! Echt spannend! Noch mal andere aber tippen gallige Brandreden, in denen jeder der baldigen Ex-Kollegen ordentlich sein Fett wegbekommt.
Es gibt viele Spielarten von Abschiedsmails, und viele Menschen formulieren daran deutlich länger herum als an ihrer Kündigung. "Ich habe lange gebraucht, um die E-Mail zu schreiben", sagt Shugars in einem Interview mit der "LA Times". Er habe einfach nicht das übliche "Es war schön, mit Ihnen zu arbeiten, Sie können mich künftig unter der folgenden E-Mail-Adresse erreichen" schreiben wollen. "Mal ehrlich", sagt er, "wer will so etwas?" Also erinnerte Shugars, der zur Musikwebsite Imeem wechselte, in seiner Abschiedsmail lieber an lustige Momente im Job - etwa als er sich bei einem Meeting einen Kuchen in die Hose stopfte oder als er seinem Boss ein 8000-$-Ledersofa geklaut habe.
Die richtige Abschiedsmail zu schreiben ist eine hohe Kunst - vor allem in Zeiten, in denen viele ihren Job verlieren. Ist die Mail zu langweilig, wird sie gar nicht beachtet. Ist sie zu flapsig, kann das die eigene Reputation kosten - "So long, suckers! I'm out" finden manche bei einem T-Shirt-und-Flipflop-Internetunternehmen wie Google vielleicht noch lustig, in einer Bank oder Anwaltskanzlei ist man mit so einer Mail für immer unten durch.
Gleiches gilt vermutlich auch für die Zeilen, die der Mitarbeiter einer deutschen Tageszeitung schrieb, bevor er zur Konkurrenz wechselte: "Hell ain't a bad place to be" - "Die Hölle ist auch kein schlechter Ort, um dort zu leben" zitierte er einen Song der Rockband AC/DC. Darunter nur noch ein lapidares "Macht's gut!". Und die ehemalige Anwältin Shinyung Oh beließ es nicht bei einem lustigen Spruch, sondern beschimpfte ihren Arbeitgeber, als sie im Mai vergangenen Jahres ihren Job verlor. Sie warf den Partnern der amerikanischen Kanzlei Herzlosigkeit, schlechtes Urteilsvermögen, miserable Managementfähigkeiten und Feigheit vor. Dann sendete sie die Mail an 1000 Kollegen in der ganzen Welt - und sofort fand die Geschichte ihren Weg in Juristenblogs wie Abovethelaw.com. Und von dort aus in die Medien.
Auch wenn Oh beteuert, sie bereue gar nichts - Coaches und Personalberater warnen vor emotionalen Abrechnungen. "Keine schmutzige Wäsche waschen!", sagt Führungskräftetrainer Claus Peter Müller-Thurau. Selbst wenn man sich ärgere, sollte man sich seinem Unternehmen gegenüber weiterhin loyal zeigen, man will ja auch in Zukunft einen Job. Und garstige E-Mails sind wie schlechte Tätowierungen: Man bereut sie später und wird sie doch nicht mehr los.
Eine Erfahrung, die auch Russ Pitts machte, der als Produzent bei einem TV-Sender in San Francisco arbeitete und nach eigener Aussage gelegentlich immer noch gefragt wird, ob er "der Typ mit dem Adlersperma" sei. "Es wäre mir absolut egal, wenn dieses ganze Gebäude plötzlich überraschend von oben bis unten mit Adlersperma überschwemmt würde", schrieb er in seiner Abschiedsmail, als er 2002 seinen Job kündigte.
"Mir kam die Frustration über meinen Job, meinen Boss und die schäbige Unternehmenskultur damals schon zu den Ohren raus", sagt Pitts seine Drastik in einem Interview. All diese Gefühle wollte er hinter sich lassen, als er die Firma für immer verließ. "Meine Hand zitterte, als ich auf ,Senden‘ klickte. Ich war so nervös! ", sagt er. "Ich fühlte mich, als stünde ich auf einer Bühne und im Zuschauerraum säßen alle 600 Angestellten des Senders."
Pitts entschied sich für den großen Auftritt. In seiner letzten E-Mail schrieb er von "den vielen rosa-verdämmerten Morgen", an denen er vor der Toilette knieend sein "ärmliches Frühstück" erbrach allein beim Gedanken daran, dass er gleich wieder in die Firma müsse. Er sei all jenen Kollegen zu "höchst unaufrichtigem Dank" verpflichtet, die sein Leben "durch Teilnahmslosigkeit, Selbstsucht, Jammerei und Schlampigkeit unangenehmer gemacht haben als eine Reise zu den tiefsten Ringen der Hölle".
Die Reaktionen auf seine Mail schätzt Pitts "etwa 60/40" ein: "60 Prozent meiner Kollegen dachten, ich komme gleich mit einem Maschinengewehr in ihr Büro, doch 40 Prozent sagten, das sei die coolste Mail, die sie je gelesen hätten."
Derartig drastische, blumig-unverschämte Abschiedsmails finden sich rasch in den diversen Blogs und Officehumor-Sammlungen des Internets wieder. Etwa der (vermeintliche) Abschiedsgruß eines Investmentbankers, der zum guten Ende verbal mächtig auf den Putz haute und erst einmal eine ganze Liste von Kollegen und Vorgesetzten schmähte. Weiter wies er seinen Nachfolger darauf hin, er oder sie möge den Job bitte zu schätzen wissen: "Es ist eine Chance, die man nur einmal im Leben bekommt. Soll heißen: Wenn ich hier noch einmal arbeiten müsste, würde ich mich sofort umbringen".
Womöglich handelt es sich bei seiner schäumenden Wutschrift um eine Fälschung, vielleicht gehört sie zu den modernen Mythen - trotzdem diente sie Wall Streetlern als Vorlage für das eigene Lebewohl. Auch ein Ex-Consultant von Ernst & Young wird im Netz mit einer nahezu identischen Goodbye-Mail zitiert - ergänzt um eine schnippische Bemerkung zu den Verdauungsproblemen eines Kollegen. Ob sie tatsächlich so abgeschickt wurde - und wer hier von wem abgeschrieben hat - ist nicht gesichert.
Vielleicht haben Menschen diese Mail aber tatsächlich als Muster benutzt, weil es noch keine verbindlichen Formalien für die finale E-Mail gibt - wie für viele postmoderne Kommunikationsfinessen: Der Knigge-Kanon schnauft dem digitaler Fortschritt hinterher.
Auf viele Benimm-2.0.-Fragen gibt es noch keine Antworten: Darf ich Fotos von der Betriebsfeier einfach so ins Internet stellen, oder muss ich offensichtlich volltrunkene Kollegen unkenntlich machen? Wie lange muss ich nach dem Ende einer Beziehung warten, bevor ich den Status in meinem Facebook-Profil zu "Single" ändere? Und eben: Wie verabschiede ich mich von meinen Kollegen gleichermaßen emotional wie professionell in einer Mail, die für immer abgespeichert und weitergeleitet werden kann?
Auch wenn es pathetisch klingen mag: Vielleicht hilft es, wenn man sich beim Grübeln über die rechte Formulierung vorstellt, es seien wirklich die allerletzten Worte, die man da eben tippen möchte. Oftmals verdichte sich in den Abschiedsworten die gesamte Lebenseinstellung und das Wesen eines Menschen, hat Hans Halte herausgefunden, der ein Buch über die letzten Aussprüche sterbender Menschen geschrieben hat.
Im Zweifel dürfen es in dieser Hinsicht auch ausgesprochene Kapitalisten einmal mit Karl Marx halten - und gänzlich auf Abschiedsfloskeln verzichten: "Letzte Worte sind etwas für die törichten Leute, die nicht genug zu sagen gehabt haben", soll Marx abschließend angemerkt haben.
FTD, Nikolaus Röttger und Anja Rützel
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