
23.12.2009, 13:40 Uhr | Financial Times Deutschland, Wiebke Harms
Etikette im Büro: Den Chef duzen? (Foto: Imago)
Betriebe sorgen jetzt vor für künftigen Fachkräftemangel. Während Großunternehmen eher zögerlich vorgehen, sehen Generationsunternehmen die große Chance, qualifizierte Absolventen zu bekommen.
Noch sucht Lilly Epple keinen Job. Sie studiert Wirtschaftswissenschaften an der Zeppelin University in Friedrichshafen und steckt mitten im Studium. Erst 2011 will sie anfangen zu arbeiten - mit einem Bachelor und Masterabschluss in der Tasche. Epple weiß genau, was ihr bei der Stellensuche wichtig ist. Sie hat bereits viele Praktika gemacht und dabei einiges an Erfahrung gesammelt. "Ich möchte als Person wahrgenommen werden. Das Produkt ist für mich nicht mehr so relevant. Die Unternehmenskultur gibt den Ausschlag", sagt die 22-Jährige. Sie kann sich daher gut vorstellen, in einem Familienunternehmen zu arbeiten. Deshalb war sie kürzlich auch beim Karrieretag Familienunternehmen dabei. Wie 600 andere Studenten und Absolventen wollte sie bei dieser Gelegenheit potenzielle Arbeitgeber treffen und kennenlernen.
Absolventen haben derzeit gute Chancen, einen Job in einem Familienbetrieb zu bekommen. Laut einer Umfrage der Stiftung Familienunternehmen stellen inhabergeführte Firmen jetzt ein. Der Grund: Viele Großkonzerne haben einen Einstellungsstopp verhängt. Für kleinere Betriebe eine ideale Gelegenheit, qualifizierten Nachwuchs anzuwerben. Hinzu kommt, dass künftig mehr Führungskräfte in Rente gehen, als Absolventen nachrücken. Besonders bei den Ingenieuren könnte es eng werden. Daher rekrutieren die Firmen heute schon Akademiker, die ihnen sonst in ein paar Jahren fehlen.
Werner Utz, Vorstandschef des Fußbodenexperten Uzin Utz sucht gerade einen neuen Vorstandsassistenten. Bei der Auswahl geht er vor wie die meisten Familienunternehmer: Die Qualifikation ist wichtig. Aber auch die Chemie muss stimmen. "Der Vorstandsassistent hat eine wichtige Vermittlungsfunktion. Er darf nicht herablassend auftreten und muss gut mit Menschen umgehen können", sagt Utz. "Ein Gramm Charakter kann ein Kilo Fachwissen ersetzen", bestätigt Stefan Heidbreder, Vorsitzender der Stiftung Familienunternehmen.
Geht es um Führungspositionen, schauen viele Chefs alle Bewerbungen selbst durch. Für sie spielen bei der Auswahl ganz andere Kriterien eine Rolle als für Personalreferenten. "Der Personalreferent sucht zeitpunktbezogen die passende Person. Ein Unternehmer achtet auch auf deren langfristiges Potenzial für das Unternehmen", sagt Heidbreder.
Familienunternehmen sind meist weniger bürokratisch, Entscheidungswege sind kürzer und Hierarchien flacher. Jeder Mitarbeiter ist wichtig. Manche hinterlassen daher große Lücken, wenn sie gehen. Die Eigentümer wollen die frei gewordenen Positionen in der Regel mit eigenen Leuten füllen - vor allem Führungspositionen. Dafür müssen sie den Nachwuchs frühzeitig einstellen, fallende Umsätze hin oder her. "Wo Bedarf ist, kann man sich Einstellungen immer leisten", sagt Heidbreder.
Financial Times Deutschland, Wiebke Harms
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