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Firmenhymnen: Peinlich oder gut für die Mitarbeiterbindung?

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"Ist der Unterkiefer weg, ersetzen wir ihn dir komplett"

29.12.2009, 10:57 Uhr | Spiegel-Online, Friederike Ott

Witziger Firmenhit: das Lied des Zahnlabors Con-Dental  (Screenshot: YouTube)

Witziger Firmenhit: das Lied des Zahnlabors Con-Dental (Screenshot: YouTube)

Eine Hymne auf künstliche Zähne, eine Ode an die Wohnungslüftung: Hunderte Unternehmen lassen sich firmeneigene Songs komponieren. Die Ergebnisse sind oft peinlich - erreichen aber gerade dadurch ihr Ziel.

Chor als Anrufbeantworter

"Weeestaaaaflex" tönt ein mehrstimmiger Chor jedem Anrufer entgegen, der die Nummer des Gütersloher Filterherstellers Westaflex wählt. Es folgen Weihnachtsglöckchen, ein Beat, und jemand singt: "Die kontrollierte Wohnungslüftung Westa Air Control verbindet gute Luft und Wärme, ja man fühlt sich richtig wohl." Dann teilt eine freundliche Stimme mit, dass über die Weihnachtstage niemand da ist.

Firmenhit schweißt zusammen

Nicht nur auf dem Anrufbeantworter von Westaflex begegnet man dem Loblied auf die kontrollierte Wohnungslüftung. Wenn die Mitarbeiter des Mittelständlers ihren Computer hochfahren, ertönt der Ohrwurm ebenfalls. Wenn Geschäftsführer Jan Westerbarkey angerufen wird, dudelt das Lied als Handyklingelton. Und auf der firmeninternen Weihnachtsfeier wurde zu später Stunde der Firmenhit aufgelegt - als Instrumentalversion, die Mitarbeiter sangen Karaoke. "Wenige Unternehmen haben eine solche akustische Identifikation wie wir", schwärmt Westerbarkey. "Das sorgt für Zusammenhalt in der Belegschaft."'

Hörbeispiele

Air Berlin

Apple

C&A

Edeka

EVB Baupunkt

Fendt

GLS

Henkel

HP

KPMG

Nod32

nVidia

Philips

Warsteiner

Westaflex

Unternehmenslieder mit den Stimmen der Stars

Produziert hat den Wohnungslüftungssong die Audio-Marketingagentur Ladage Media in Herford - so wie mehr als tausend andere Firmenlieder. Selten bleibt es bei einer Warteschleife. "Viele kaufen gleich das ganze Paket", sagt Constantin Reineck, Sprecher von Ladage Media. "Sie lassen sich Unternehmenslieder produzieren, die dann bei Firmenveranstaltungen gesungen werden, in der Telefonwarteschleife laufen und in der Werbung vorkommen." Oft würden die Synchronstimmen bekannter Hollywoodschauspieler gebucht.

Höhere Produktion dank Firmenmusik

Das Ziel: Firmen wollen mit sogenanntem Audio Branding ihr Image klangvoll aufpolieren. "Wir haben von Jahr zu Jahr Produktionssteigerungen", sagt Reineck. 1000 bis 20.000 Euro legen die Unternehmen für ein Lied hin, je nachdem, wie aufwendig die Produktion ist. Neben Ladage gibt es noch eine Handvoll anderer Agenturen, die sich auf Unternehmenslieder spezialisiert haben.

Liebeslied für die Packstation

Das Spektrum der Songs ist groß. Manche sind lustig, wie das von Con-Dental (siehe Video-Show oben), einem kleinen Zahnlabor in Fulda. Der Songtext ist mit Reggae-Tönen hinterlegt: "Werden die Zähne immer schiefer, stimmt was nicht mit deinem Kiefer." Und weiter: "Ist der Unterkiefer weg, ersetzen wir ihn dir komplett". Andere Songs klingen romantisch, wie zum Beispiel das Liebeslied der Deutschen Post an die DHL Packstation (siehe Video-Show oben). Dort heißt es: "Sie gibt mir Freiheit und ich liebe sie dafür, Pakete senden ist 'ne Kleinigkeit." Es folgt der Refrain "Ja, zum Glück gibt's die Packstation, und sie hat immer für mich Zeit".

"Gemeinschaftserlebnis, das verbindet"

Analog zu Nationalhymnen werden auch ganze Firmenhymnen produziert. Das sind Lieder, die nicht in erster Linie Marketingzwecken dienen, sondern sich an die Belegschaft richten und etwa bei Firmenfeiern gesungen werden. "Sie sind ein Vehikel, um die Hierarchien zu durchbrechen", erklärt Reineck. "Die Leute haben ein Gemeinschaftserlebnis, das verbindet."

Mitarbeiter musikalisch binden

Oft jedoch hält diese Verbindung nicht lange. Rudi Maier ist Kulturwissenschaftler an der Universität Tübingen. Er beschäftigt sich mit Firmenhymnen und berichtet, dass besonders Unternehmen mit hoher Personalfluktuation Lieder für ihre Mitarbeiter produzieren. Er nennt als Beispiel PricewaterhouseCoopers und KPMG. Der Zweck sei, die Mitarbeiter stärker zu binden.

"Schon ein bisschen peinlich"

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young wagt gar einen göttlichen Vergleich: Der Konzern ließ den bekannten Gospel "Oh Happy Day" umschreiben. Statt "when Jesus washed my sins away" heißt es nun: "Oh happy day, when Ernst & Young showed me a better way." Das Lied wurde 2001 für neue Mitarbeiter produziert und von einer professionellen Sängerin vorgeführt. Heute jedoch bereut das Unternehmen, ausgerechnet die Stellen, an denen Jesus vorkommt, umgedichtet zu haben. "Im Rückblick ist das schon ein bisschen peinlich", sagt ein Sprecher des Unternehmens. Eigentlich sei das Lied nur für die Mitarbeiter gedacht gewesen, aber jemand habe es dann einfach ins Internet gestellt.

Nur zum internen Gebrauch

Auch viele Lebensmitteldiscounter haben Firmenhymnen. "An so 'nem Tag wie heut ist alles drin, mein Chef, der steht zu mir, weil ich bin, wie ich bin", heißt es etwa bei Kaufland. Und weiter: "Doch ohne dich ist nichts zu machen, bist sehr wichtig sogar. Wir brauchen dich, mach mit, sag einfach ja". Bei Kaufland heißt es auf Anfrage von Spiegel Online: "Das Lied dient nur internen Zwecken."

Zahl der Firmenlieder nimmt zu

Kulturwissenschaftler Maier hat hierfür eine Erklärung: "Viele Firmen legen großen Wert darauf, dass ihre Hymnen nicht nach außen dringen, weil es ihnen peinlich ist." Wie viele Unternehmen genau Firmenhymnen haben, sei deshalb schwer zu beziffern. Die Zahl habe aber zugenommen.

Air Berlin-Lied in den Charts

Manchmal dringen auch Lieder, die ursprünglich an die Belegschaft gerichtet waren, gewollt nach außen, wie zum Beispiel das Lied von Air Berlin mit dem Titel "Kerosin im Blut". Vor einigen Jahren hatte der Airport Nürnberg das Lied als Geschenk für Air Berlin produzieren lassen. Die Air Berliner sollen so begeistert gewesen sein, dass die Pressestelle das Lied in der Hotline spielte. Aus Jux schlug ein Münchner Autohändler das Lied beim Münchner Lokalsender Radio Gong vor und ließ die Moderatoren bei der Fluggesellschaft anrufen. Das Lied landete prompt auf Platz eins der Hörercharts und wurde Woche für Woche wiedergewählt. Es folgte eine Live-Aufführung der Warteschleife in München. Bei YouTube gibt es ein Video des Auftritts: Eine blonde Sängerin steht auf der Bühne, um sie herum eine Gruppe Manager, die sich behäbig im Takt wiegt.

Manager auf der Bühne

Kulturwissenschaftler Maier sieht Auftritte wie den von Air Berlin kritisch. "Das hat nichts mit Durchbrechen von Hierarchien zu tun. Das Management steht oben auf der Bühne, und die Mitarbeiter stehen unten. Da soll ganz klar gezeigt werden, wer der Boss ist."

Hymnen sind Krisenphänomen

Dass in Unternehmen gesungen wird, ist nicht neu. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstanden die Stände- und Handwerkslieder. Heute werden Unternehmenshymnen meist von der Firmenleitung angestoßen. Genau darin sieht Maier ein großes Problem. "Es wird versucht, einen Betriebsalltag zu harmonisieren, der voller Spannungen ist." Gerade in Zeiten, in denen Mitarbeiter entlassen werden, sei das ein falsches Signal. Im Zweifel sei der Chef eben nicht der Kumpel. "Wenn die Firmenleitung anordnet, wir singen jetzt zusammen, dann wissen die Mitarbeiter, dass etwas nicht stimmt." Der Kulturwissenschaftler ist sogar der Überzeugung, dass Firmenhymnen ein Krisenphänomen sind.

Opel-Fan schenkt Belegschaft Lied

Auch während der Opel-Krise tauchte ein Lied auf. Eine Sängerin, die sich Liza nennt und als Opel-Fan ausgibt, schenkte der Belegschaft das Lied "Gebt nicht auf" (siehe Video-Show oben). In Maiers Augen ist das ein neues Phänomen, weil es nicht die Unternehmensleitung war, die das Lied initiiert hat. "Das ist eine Mischung aus Firmenhymne und Protest gegen die da oben. Das stärkt die Belegschaft wirklich."

Kaum Identifikation mit Unternehmen

Meist identifizieren sich aber nur wenige Mitarbeiter mit dem Unternehmen, in dem sie arbeiten. Das Ergebnis einer Umfrage des Gallup-Instituts aus dem Jahre 2008 zeigt: Nur 13 Prozent der Befragten fühlen sich emotional an ihr Unternehmen gebunden. 67 Prozent leisten Dienst nach Vorschrift, 20 Prozent haben bereits innerlich gekündigt. Eine Firmenhymne könne durchaus eine positive Wirkung haben, glaubt Maier, wenn auch anders als von der Firmenleitung beabsichtigt: Nämlich dann, wenn die Mitarbeiter heimlich über die Integrationsarbeit lästern - so etwas schweiße wirklich zusammen.

Spiegel-Online, Friederike Ott  

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