
27.01.2010, 9:48 Uhr | FTD, Daniela Schröder
Dübel der Firma Fischer feiern weltweit Erfolge. (Foto: Imago)
Wie die Schraube in der Wand verschwand: Unter der Dusche kam Artur Fischer auf die Erkenntnis, warum ein sich spreizender Dübel die Schrauben besser hält.
Im Frühling hängen die Fensterläden schief, im Sommer kracht eine Lade nach der anderen herunter. So hat sich Artur Fischer den Häuschenbau nicht vorgestellt. Zumal er den Montagebolzen selbst entwickelt hatte. Aber die als Verankerung gedachten Gummiwülste an den Schrauben verlieren in der Sonne ihre Form. Mist, denkt Fischer. Und nimmt den Reinfall als Herausforderung.
Wer in den 50er-Jahren etwas befestigen will, gipst die Schraube ein oder dreht sie in einen Dübel aus Hanf oder Blech. Stabil ist keine der Methoden, praktisch sowieso nicht. Ein neues Produkt muss endlich her, sagt sich Fischer, möglichst aus einem neuen Material. Zum Beispiel aus Kunststoff. Damit hat er bereits gute Erfahrungen gemacht, bei einem selbst erfundenen Blitzgerät für Fotoapparate. Zubehör für Fotografen - damit verdient der gelernte Schlosser sein Geld.
Auf den Geistesblitz für "Lumetta" war Fischer beim Duschen gekommen, dort lässt er seine Gedanken ungestört fließen. So auch an diesem Samstag im Spätsommer 1958. Als das Wasser auf seinen Körper prasselt, fällt ihm die Lösung des Dübelproblems ein: Was halten soll, überlegt er sich, muss Widerstand gegen die Umgebung leisten.
Den Nachmittag verbringt Fischer in seiner Werkstatt. Er spannt ein rundes Polyamidstück in den Schraubstock und feilt an den Seiten tiefe Kerben ein. Den so mit Zähnen versehenen Kunststoffstab sägt er auf drei Viertel der Länge ein. Dann bohrt er am Kopfstück ein Loch und dreht vorsichtig eine Schraube hinein. Je weiter er dreht, desto weiter klaffen die beiden Dübelhälften auf. Wie das Maul eines Krokodils, denkt Fischer, genau so habe ich es mir vorgestellt.
Artur Fischer, Begründer der schwäbischen Dübel-Dynastie. (Foto: dpa)
Am Montag führt er den Spreizdübel vor. Wie einbetoniert halten die Schrauben im Dübel und die Dübel in der Wand. Fischers Leute sind begeistert, der Erfinder aber noch nicht: Der Dübel soll fest im Bohrloch sitzen, bevor ihn die Schraube auseinanderdrückt. Zwei abstehende Sperrzungen bringen schließlich die gewünschte Stabilität, egal ob in einer harten oder einer weichen Wand.
Am 8. November 1958 bekommt Fischer die Patentschrift für den Spreizdübel. Viel wichtiger aber ist die Anerkennung von den Handwerkern. Und die sind vom ersten Tag an überzeugt. Wenige Tage nur ist Fischers Vertreter mit dem S-Dübel im Land unterwegs, da telegrafiert er schon eine Wochenbestellung von 10.000 Dübeln. Anfangs sind sie schwarz, doch in hellen Tapeten fällt die Farbe zu sehr auf, also steigt Fischer schnell auf Arbeitskittel-Grau um. Die Farbe handwerklicher Alltagstüchtigkeit, findet er. Der kleine Graue aus dem Schwarzwald tritt einen Siegeszug um die ganze Welt an und wird zum meistproduzierten und meistkopierten Dübel der Welt.
So macht der Coup des Artur Fischer aus seiner Firma im Norden des Schwarzwalds ein florierendes Unternehmen, das später auch die Fischertechnik-Baukästen auf den Markt bringt. Mehr als 2300 Patente hat das Unternehmen bislang angemeldet. Viele davon kommen vom Chef selbst, der am 31. Dezember seinen 90. Geburtstag gefeiert hat. Sein Lebensmotto hat er bei beim Ingenieur und Dichter Max Eyth gefunden: "Nicht die Not macht erfinderisch, sondern die Erfindungen haben die größte Not, den Widerstand zu überwinden, mit denen ihnen eine wohlgeordnete, im Großen und Ganzen selbstzufriedene Welt von allen Seiten entgegentritt." Nur auf Fischers Spreizdübel passt das nicht. Der hält die Welt zusammen.
FTD, Daniela Schröder
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