18.03.2010, 10:26 Uhr | Britta Schultejans, dpa / t-online.de/business
Brei aus dem Glas für Erwachsene - das ist das neue Konzept von Claus Hipp. (Foto: ddp)
Deckel auf, Löffel raus - fertig. Millionen Mütter und Väter in Deutschland ernähren ihre Kinder mit Babybrei aus dem Glas. In diesem Jahr feiert das "Gläschen" runden Geburtstag: Vor 50 Jahren stellte das Unternehmen Hipp damit den Markt für Babynahrung auf den Kopf. Weil hierzulande aber immer weniger Kinder geboren werden, stagniert der Markt für Babykost. Deshalb setzt Firmenchef Claus Hipp jetzt auf eine neue Zielgruppe.
Seit ihren Anfängen hat die Firma nach eigenen Angaben 9,3 Milliarden Gläschen produziert. Würde man die aufeinander stapeln, wäre der Turm 60.000 Mal so hoch wie der Mount Everest. Im vergangenen Jahr kamen dann auch noch die Plastikbecher dazu. Inzwischen wird jedes vierte Obst-Gläschen Hipp zufolge allerdings von einem Erwachsenen geleert. Das ist für die Firma auch gut so. "Wir haben früher mal doppelt so viele Geburten gehabt - das merkt man natürlich", erklärt der Unternehmenschef. Und Marketingchef Reiner Tafferner fügt hinzu: "Der Tierfuttermarkt ist inzwischen schon viel größer als der Markt für Babynahrung und er wächst schneller."
Ältere Menschen, die zum Mittag Brei essen oder statt zum Apfel zum Fruchtgläschen greifen, können das Minus an Kundennachwuchs wenigstens ausgleichen. "In unserer Gesellschaft, die immer älter wird, wird Babynahrung auch im Erwachsenenbereich eine Zukunft haben", so Hipp, der schon in den 1960er Jahren auf biologischen Anbau gesetzt hat. "Wir haben Menschen mit Bio-Produkten großgezogen, die uns dann nachher als Parteipolitiker erklären wollten, wie das geht", berichtet der Unternehmer.
Das gute Image des Unternehmens, das mit seinem Anteil am Babynahrungsmarkt von 46 Prozent vor Nestlé und Milupa liegt, ist möglicherweise auch ein Grund dafür, dass ältere Menschen im Rentenalter zum Babybrei greifen. Außerdem werden Lebensmittel, die zu Babynahrung verarbeitet werden, noch strenger kontrolliert. Herkömmliches Essen vertragen Senioren oft nicht so gut. Eine weitere Gruppe von Erwachsenen, die zum Gläschen greifen, sind laut Hipp junge Mütter. Gemüse und Obst in Baby-Brei-Form sei kalorienarm und eigne sich darum für eine Diät auf dem beschwerlichen Weg zurück zur Idealfigur.
Den Trend zum Essen aus dem Glas, mit dem Hipp vor 50 Jahren eine kleine Revolution auslöste, sehen Ernährungswissenschaftler "mit einem lachenden und einem weinenden Auge". "Im Prinzip hat sich die Kindernahrung dadurch grundlegend geändert", erläutert Kinderarzt und Ernährungswissenschaftler Michael Krawinkel von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Das sei nicht nur gut. Zwar habe die Babynahrung eine hohe Qualität, ein Problem gebe es aber trotzdem: Die geschmackliche Vielfalt fehle, meint Krawinkel. "Es gehört zum Lernprozess, dass Kinder merken, dass es unterschiedliche Geschmacksrichtungen gibt - eine Möhre schmeckt nicht immer gleich", so der Experte. Im Fertigprodukt gebe es diese Unterschiede aber nicht, selbst zubereitetes Essen schmecke natürlicher.
Britta Schultejans, dpa / t-online.de/business
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