
12.03.2010, 10:59 Uhr | Jochen Eversmeier
In Krisenzeiten sollten Unternehmen Innovationen ihrer Mitarbeiter nutzen. (Foto: Imago)
Deutschlands Wirtschaft kommt nur schleppend aus der Krise, neue Geschäftsideen sind gefragt. Innovationstrainer Peter Kürsteiner, Gründer und Geschäftsführer von Kürsteiner Consulting, sagt, wie man Ideen auf Knopfdruck produziert und wie sich Unternehmen das kreative Potenzial ihrer Mitarbeiter zunutze machen.
mm: Sie versprechen Ihren Kunden "Ideen auf Knopfdruck". Wie soll das funktionieren?
Kürsteiner: Mein Team und ich haben analysiert, welche gemeinsamen Denkweisen hinter zahlreichen Kreativitätstechniken liegen. Dabei haben sich sieben kreative Denkweisen herauskristallisiert: variieren, kombinieren, adaptieren, inspirieren, visionieren, rezipieren und assoziieren.
Und das heißt?
"Kombinieren" bedeutet, dass ich ein Produkt A und ein Produkt B habe. Beide fasse ich zusammen zu Produkt C. Das einfachste Beispiel: Radio und Wecker ergibt Radiowecker. Handy und Kamera ergibt Handykamera. Mit der Methode "Kombinieren" kann jeder leicht überlegen, welche seiner Produkte oder Dienstleistungen sich miteinander verbinden lassen. Diese Art zu denken, führt sehr schnell zu neuen Ideen. Eine weitere kreative Denkweise ist das "Adaptieren". Flugzeugflügel haben heute Enden, die hochstehen, sogenannte Winlets. Das Prinzip wurde von Adlerflügeln übernommen. Man hat sie nachgebildet und festgestellt, es funktioniert auch im Flugzeugbau. Wenn man ein Problem lösen will, kann man sich also fragen, wo funktioniert das bereits, und versuchen, die Lösung zu adaptieren.
Wie lässt sich Kreativität trainieren?
Erstens indem man beginnt, Gewohnheiten zu brechen und bereits bei den Kleinigkeiten anfängt, zum Beispiel andere Strecken zur Arbeit nutzt. Der zweite Schritt ist, für Anregungen zu sorgen. Wilfried Possin, der Namensgeber einer Schlagbohrmaschine für Bosch, kam im Büro auf keine Idee. Dann ging er in ein Kaufhaus, sah in der Kinderabteilung einen kleinen Elefanten und kam auf den Namen Jumbo. Anregungen an anderen Orten und durch andere Personen führen oft zu solchen Geistesblitzen. Drittens kann man die sieben oben erwähnten Denkweisen trainieren.
Was ist der schlimmste Fehler in kreativen Prozessen?
Was viele nicht beachten, vor allem auch Führungskräfte, ist, die Phasen Sammeln und Bewerten strikt voneinander zu trennen. Dies ist jedoch eine der wichtigsten Voraussetzungen für kreative Prozesse. Wenn einer eine Idee hat, und der Chef sofort daran herummäkelt, dann macht man das als Mitarbeiter höchstens ein, zwei Mal. Schließlich will keiner den Deppenstatus haben. In einer innovativen Kultur gehört also auch dazu, dass man immer wieder den Raum schafft, dass Mitarbeiter auch mal rumspinnen dürfen.
Welche Rolle spielen Denkblockaden? Wie lassen sich diese lösen?
Die verbreiteste Blockade ist, zu denken, "das kenne ich schon" und auf Durchzug zu schalten. So entsteht Betriebsblindheit, ganz nach dem Motto, "das haben wir schon immer so gemacht". Wenn jemand sagt, "das geht nicht", meint er damit, "das kann ich mir nicht vorstellen", und braucht eine Unterstützung seiner Vorstellungskraft. Hilfreich sind dabei Impulse von externen Personen. Dann entstehen oft Ideen, die von außen betrachtet auf der Hand liegen und auf die man häufig im hektischen Alltag nicht kommt.
Eine Studie der Innovation Navigators aus dem Jahr 2009 zeigt, dass viele Unternehmen ihr Innovationspotenzial nicht ausschöpfen. Welche Folgen hat das?
Je etablierter einzelne Branchen sind, umso vergleichbarer sind die dort offerierten Produkte oder Dienste. Nur die Unternehmen mit den höchsten Umsätzen können in solchen Märkten noch Geld verdienen, etliche andere dagegen bleiben auf der Strecke, weil sie keine Gewinne mehr erzielen. Im Umkehrschluss heißt das: Große Gewinne sind nur möglich am Anfang und in der Mitte von Produktlebenszyklen, es sei denn man hat Ausnahmeprodukte oder -marken, für die Kunden bereit sind, einen Aufpreis zu zahlen.
Wie können Unternehmen ihre Innovationskraft erhöhen?
Das geht nicht von heute auf morgen. Zuerst sollte die Geschäftsführung dem Thema Innovation einen hohen Stellenwert einräumen und Veränderungsbereitschaft von oben nach unten erzeugen. Dann müssen die verantwortlichen Mitarbeiter die Zeit, den Freiraum und die Mittel dafür erhalten, Innovationen entwickeln zu können. Zudem sollten bestehende Innovationshemmnisse zügig beseitigt werden. Wenn Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz bangen, dann besteht nur wenig Raum für neue Ideen.
Welche Rolle spielen die Führungskräfte dabei?
Eine wichtige Schlüsselrolle. Wenn die Führungskräfte nicht bereit sind, entspannt wahrzunehmen, dass ihre Mitarbeiter gelegentlich bessere Ideen haben als sie selbst, kann es vorkommen, dass diese Ideen unterdrückt werden. Das geht bis zu grotesken Verhaltensweisen, bei denen gute Einfälle erst nach einem halben Jahr als eigene Idee des Leitenden wieder aus der Versenkung auftauchen - oder, was noch schlimmer ist, gleich ganz verschwunden bleiben.
Wie lässt sich sicherstellen, dass eine innovative Kultur nicht nur auf dem Papier steht?
Innovative Abläufe sollten fest installiert werden. Dies beginnt bei kontinuierlichen Verbesserungsprozessen (KVP), geht weiter über Ideen-Workshops, Schulungen der Führungskräfte bis zur Einbindung von Kunden und Lieferanten in den Innovationsprozess. Zudem sollte die Kommunikation über Abteilungsgrenzen hinweg ausgebaut werden. Ein Beispiel: Meistens gibt es in großen Unternehmen eine Beschwerdeabteilung in einem Callcenter, separat davon den Vertrieb und wiederum getrennt davon das Ideenmanagement. Wenn diese Abteilungen intensiv und strukturiert miteinander reden, beginnen Ideen automatisch zu fließen.
Woher stammen die besten Ideen? Gibt es Erfahrungswerte?
Die besten Ideenlieferanten sind die Bereiche, die häufigen Kundenkontakt haben: der Vertrieb, das Callcenter aber auch die Beschwerdeabteilung. Diese sind nah am Markt und können deshalb die meisten Ideen produzieren. Ein Erfolgsrezept ist, interne und externe Impulse etwa gleich stark zu nutzen. Innovative Unternehmen, wie zum Beispiel der Mobilfunkanbieter O2, veranstalten Workshops, in denen Kunden mit eingebunden werden. So wird es möglich, Ideen von außen einzubeziehen.
Welche Rolle spielt das Internet bei der Produktentwicklung?
Eine zunehmend wichtige Rolle. Allerdings gibt es immer noch Entwicklungsabteilungen, die sich gegenüber externen Ideen und den technischen Möglichkeiten des Internets völlig abschotten. Andere nutzen das Internet offensiv und setzten auf sogenanntes Crowdsourcing, also die Beteiligung einer größeren Anzahl von Kunden und anderen Interessierten an Entwicklungsaufgaben.
Welche Kreativitätstechnik funktioniert in der Praxis am besten?
Der Brainwriting-Pool ist eine sehr effiziente und sehr schnell erlernbare Methode, wenn man zu mehreren Fragen in kurzer Zeit viele Ideen generieren will. Die 6-3-5-Methode - sechs Leuten schreiben drei Ideen innerhalb von fünf Minuten auf - funktioniert dagegen nicht so gut, vor allem wenn die Teilnehmer es nicht gewohnt sind, Ideen auf Knopfdruck zu produzieren. Dann sitzen sie da und tun sich schwer, auch nur irgendetwas hinzuschreiben.
Was passiert beim Brainwriting-Pool?
Mehrere Personen sitzen gemeinsam an einem Tisch. Jeder schreibt mindestens eine Fragestellung, zu der er Ideen sucht, auf ein Blatt Papier. Es sollten sich ergänzende und keine redundanten Fragen sein. Jeder legt sein Blatt mit der Frage in den Pool, nimmt ein anderes Blatt, schreibt eine Idee dazu und legt es wieder in die Mitte des Tisches. Das machen alle gleichzeitig. So wandern die Zettel ständig hin und her. Man braucht drei Fragen und damit drei Zettel mehr als Teilnehmer, damit der Fluss erhalten bleibt. Die Teilnehmer inspirieren sich gegenseitig. Wer zu einer Frage drei fremde Ideen gelesen hat, der kommt erfahrungsgemäß spielend auf die vierte, fünfte und sechste Idee.
Gibt es Techniken, von denen Sie abraten? Die womöglich sogar schädlich sind?
Mit der unpassenden Technik vergeudet man wertvolle Zeit. Noch gefährlicher ist allerdings, einen Ideen-Workshop durchzuführen, ohne sich vorher genau zu überlegen, was man damit erreichen möchte. Beachtet man dies nicht, begibt man sich auf unsicheres Terrain.
In welcher Hinsicht?
Wenn es nicht wirklich ernsthaft gewünscht ist, alte Produkte, Wege und Strukturen auch zu verlassen, dann sollte man lieber keine Ideen einfordern. Ein Beispiel: Talkyoo, ein Anbieter von Telefonkonferenzen, bietet seine Dienste über ein umgedrehtes Vertriebsmodell an. Man kann den Service nutzen und anschließend zahlen, was man möchte. Nach der dritten Telefonkonferenz mit dem Talkyoo-System erhält der Nutzer per E-Mail einen Vergleich darüber, was der Dienst bei Telekom und Co. gekostet hätte, und die Bitte um eine Spende. Wenn man ein solches Modell mit Vertriebsleuten diskutiert, dann fällt es den meisten sehr schwer locker zu bleiben. Die denken verständlicherweise sofort an den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Deshalb muss sich die Unternehmensleitung genau überlegen, mit welchen Personen aus welchen Bereichen innovative Prozesse angestoßen werden können.
Was kann noch schiefgehen?
Als Teilnehmer in einem Workshop habe ich einmal erlebt, dass während der Brainstorming-Phase jemand vorschlug, eine ganze Abteilung abzuschaffen, was dazu führte, dass einzelne Mitarbeiter dieser Abteilung sehr entrüstet waren. Der Workshop-Leiter sollte also stets darauf achten, dass die Beteiligten die Ideen während der Sammelphase nur als Inspirationen und nicht als beschlossene Maßnahmen verstehen. Scheinbar unsinnige Ideen setzen oftmals Kreativität frei und führen dann zu realisierbaren guten Innovationen.
Ein Beispiel bitte.
Jörg Schlaich, der Bauingenieur des berühmten Olympiadachs in München, fand die Idee des Architekten Frei Otto, ein hyperparaboloides Dach ohne Außenstützen für ein Schwimmbad zu bauen, zunächst unsinnig und nicht realisierbar. Der Hartnäckigkeit Ottos ist es zu verdanken, dass Schlaich schließlich einen Fehler in der Statikbibel fand und das Dach des Schwimmbads und später auch das bekannte Olympiadach realisierte. Vermeintlich unsinnige und nicht realisierbare Ideen können also dazu führen, dass man schließlich zu bahnbrechenden Innovationen kommt.
Quelle: Manager-Magazin
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