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Interview mit Lothar Spät: "Gründerszene ist sehr unterentwickelt"

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"Gründerszene ist sehr unterentwickelt"

02.10.2009, 12:55 Uhr | manager-magazin.de, Claus G. Schmalholz

Nimmer müde: Lothar Späth (Foto: ddp)

Nimmer müde: Lothar Späth (Foto: ddp)

Lothar Späth, zuletzt Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Investmentbank Merrill Lynch in Deutschland und Österreich, hat einen neuen Job. Der 71-Jährige verrät im Interview mit manager-magazin.de, warum er seit Kurzem die Stuttgarter Grazia Equity bei der Entwicklung und Finanzierung von Unternehmen berät.

mm.de: Herr Späth, Sie haben vor Kurzem bekannt gegeben, dass Sie sich aus dem Management von Merrill Lynch zurückziehen. Warum steigen Sie gleichzeitig als Berater bei dem Stuttgarter Wagnisfinanzierer Grazia Equity ein, um jungen Firmen zu helfen?
Späth: Ich habe meine Tätigkeit für die Investmentbank Merrill Lynch in Deutschland und Österreich stark zurückgefahren und habe so wieder Zeit, um mich um solche Dinge zu kümmern. Meist halten Leute wie ich ja große Vorträge über das Unternehmertum, in Wirklichkeit aber steht Deutschland zwar bei den Patenten an der Spitze, doch im internationalen Vergleich ist die deutsche Gründerszene sehr unterentwickelt. Schon in meiner Zeit als Jenoptik-Chef hat mich ständig beschäftigt, wie man fähige Leute darin unterstützen kann, sich selbständig zu machen. Aus den erfolgreichen Ausgründungen dieser Art rührt auch meine Überzeugung her, dass junge Unternehmen am besten in Clustern gedeihen, wie sie etwa in der Kombination aus Universität, Fraunhofer- und anderen Instituten und Fachhochschulen in Jena existieren.

mm.de: Warum sind Sie nun gerade bei Grazia Equity als Berater eingestiegen?
Späth: Ich kenne Grazia-Gründer Alec Rauschenbusch schon seit zehn Jahren. Diesen Kontakt haben wir nach meiner Rückkehr aus Jena intensiviert. Das Grazia-Team halte ich aufgrund seiner hohen Professionalität und den erzielten Erfolgen für absolut modellhaft.

mm.de: Wie können Sie Gründern konkret beim Aufbau ihres Unternehmens helfen?
Späth: Ich kann Kontakte zu Investoren herstellen oder zu Unternehmen, die möglicherweise als Partner für eine junge Firma in Frage kommen. Außerdem habe ich viele Start-ups aus nächster Nähe begleitet und kenne die typischen Probleme beim Aufbau eines Unternehmens. Den Tunnelbohrexperten Herrenknecht zum Beispiel, bei dem ich Aufsichtsratschef bin, begleite ich seit fast 30 Jahren, vom Start als kleines Ingenieurbüro bis zum weltweit tätigen Unternehmen mit rund 2000 Mitarbeitern.

mm.de: Welche besonderen Kompetenzen können Sie Gründern bei Grazia Equity bieten, die diese bei anderen Wagniskapitalgebern nicht bekommen?
Späth: Ich glaube, meine Stärke ist die Vielfalt von Erfahrungen und Kontakten. Jeder Gründer, in der Regel sind das ja im weitesten Sinne Erfinder, wird rasch feststellen, dass er am Anfang kaum noch mit dem von ihm entwickelten Produkt oder Verfahren zu tun hat, sondern bürokratische Vorschriften beachten und mit Behörden sprechen muss. Ich bin ja gelernter Verwaltungsbeamter. Da kann ich zusammen mit meiner unternehmerischen Erfahrung als Jenoptik-Chef eine Menge Tipps geben und mein Netzwerk zur Verfügung stellen, damit sich der Gründer auf das eigentliche Geschäft konzentrieren kann.

mm.de: Sie sind jetzt 71 Jahre alt. Haben Sie nun bei Grazia Equity ihren neuen Vollzeitjob?
Späth: Nein, einen großen Teil meiner Zeit wende ich nun für soziale Projekte und Kunstprojekte auf. Außerdem will ich nun auch mal ein wenig echte Freizeit haben, zum Beispiel für meine sieben Enkel. Ich werde also nicht morgens bei Grazia ins Büro kommen, sondern bei einigen Projekten meine Erfahrungen weitergeben und zum Beispiel mit meinen Kontakten helfen, Geschäftspartner für die Gründer zu finden.

mm.de: Investieren Sie auch eigenes Geld in junge Unternehmen?
Späth: Ich habe eine Reihe kleinerer Beteiligungen, aber ich will hier nicht verraten, wo genau ich mein Geld investiere. Klar ist aber, dass ich auf solchen Investments nicht meine Alterssicherung aufbaue. Denn Risikokapital bedeutet nun mal, dass es auch ein gewisses Ausfallrisiko gibt.

Lothar Späth , Ex-Ministerpräsident von Baden-Württemberg und zuletzt Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Investmentbank Merrill Lynch in Deutschland und Österreich, berät seit kurzem den Stuttgarter Wagnisfinanzierer Grazia Equity bei der Bewertung und Entwicklung von jungen Unternehmen. Grazia Equity hat unter anderem den Start des Hamburger Solarkonzerns Conergy mitfinanziert.

manager-magazin.de, Claus G. Schmalholz  

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