
10.03.2010, 10:23 Uhr | FTD, Jens Brambusch
Der Kaminhersteller Kago muss Insolvenz beantragen. (Foto: Kago)
In einem Dorf in der Oberpfalz hat sich der Kaminbauer Karl-Heinz Kago ein kleines Reich errichtet. Straßen tragen dort seinen Namen, sein Haus ähnelt einem Schloss. Jetzt ist Kago pleite.
Glanz und Gloria liegen keine 500 Meter hinter dem Ortsende des 7500-Seelen-Markts Postbauer-Heng in der Oberpfalz. Hinter dem schmiedeeisernen Gitter mit Goldbesatz thront ein Märchenschloss im Loire-Stil über den sanften Hügeln. Wasser aus dem alten Dorfweiher umfließt das Anwesen, in dem angrenzenden Privatzoo gurren, blöken und wiehern 230 Tiere. Videokameras filmen jeden, der sich dem Gebäude nähert. Es ist kein Geheimnis, wer hier residiert. Schon die Adresse verrät es: Kago-Allee 1-5. Wer es immer noch nicht weiß, braucht nur auf das pompöse Portal zu schauen. Dort prangt protzig der Name des Schlossherrn in geschwungenen Lettern: Kago.
Kago, das ist Karl-Heinz Kago. Er selbst nennt sich bescheiden den "bekanntesten Ofenbauer Deutschlands". Aus einem kleinen Betrieb formte der 68-Jährige ein kleines Königreich: die Kago-Kamine-Kachelofen GmbH. Über 160.000 Kamine und Kachelöfen hat er gefertigt, über 260.000 Schornsteine geliefert oder saniert. Und mit dem Unternehmen wuchs auch das Ego des Unternehmers. In seiner Korrespondenz peppt er seine vier Buchstaben mit den Titeln Senator h. c. und Dr. h. c. auf.
Doch nun ist der Glanz verflogen. Vor drei Wochen musste Kago Insolvenz anmelden. Jetzt zeigt sich: Schein und Sein liegen weit auseinander. Kago bangt um sein Lebenswerk - und mit ihm ein ganzer Ort. "Wenn Kago hustet, hat Postbauer-Heng Fieber, heißt es ", sagt Horst Kratzer. Auf den Bürgermeister der Gemeinde kommen schwere Zeiten zu. Knapp 400 Mitarbeiter beschäftigt Kago hier, die meisten von ihnen wohnen in der Gemeinde oder in direkter Nachbarschaft. Von seinem Büro im Rathaus blickt der groß gewachsene CSU-Politiker über den Marktplatz. Dort prangt ein geschwungenes "K" an dem Bürogebäude gegenüber. Wie fast überall im Ort.
Postbauer-Heng ist Kago. Kago gestaltete den Marktplatz, dafür tragen jetzt Straßen seinen Namen. Ihm gehörten 72 Immobilien in der Gemeinde, ehe er sie vor fünf Jahren verkaufte. Er führt ein Hotel mit angeschlossenem Tagungszentrum, das natürlich Kago-Hotel heißt. Seit wenigen Tagen hängt ein Schild in der Tür: "Vorübergehend geschlossen". Auch das Kamin-Ausstellungszentrum in der Ortsmitte ist dicht. Im Gewerbegebiet Ost erstrecken sich die Hallen der Kago GmbH, ein Teil von ihnen steht leer. Kago hustet nicht nur, das Unternehmen ringt mit dem Tod.
Im Jahr 2006 hatte das Unternehmen noch einen Rekordumsatz von 135 Millionen Euro eingefahren. Dann brachen die Aufträge ein. 2007 schaffte die Firma gerade noch ein Plus, 2008 und 2009 erwirtschaftete sie je rund drei Millionen Euro Verlust. Zuletzt mussten Mitarbeiter auf die Zahlung ihrer Löhne warten, die Fertigstellung der bereits angezahlten Bestellungen war nicht mehr gewährleistet. Kago war zahlungsunfähig.
Dabei klingt die Geschichte des exzentrischen Unternehmers wie die des Tellerwäschers, der es zum Millionär brachte. Als Karl-Heinz Gonschorowski wurde Kago 1941 in Stendal geboren, er flüchtete in den 60ern in den Westen, gründete 1972 seinen Betrieb in der Oberpfalz und gab ihm den Namen Kago. Der gelernte Schornsteinbauer war immer stolz auf seine Handwerkervergangenheit, er prahlte, dass er keine höhere Schule besucht habe. Und weil Kago schöner klingt als Gonschorowski, nahm er den Namen seiner Firma auch privat an.
Bundesweit bekannt wurde er mit aggressiver Werbung für seine Kamine. Nicht nur B-Prominente wie Tony Marschall, Karel Gott und Jürgen Drews wärmten sich in seinen Broschüren ihre Hände an Kago-Kaminen. An keiner Autobahnraststätte kam man an ihm vorbei, die stillen Orte waren mit Werbeplakaten zugepflastert.
Mit dem Erfolg wuchs auch der Größenwahn. Ein bisschen Glamour kam in sein Leben, als er seine zweite Frau heiratete. Der Französin Lucie werden enge Kontakte zu Frankreichs Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy nachgesagt. Wenn sie in Paris weilt, schaue sie gern im Élysée-Palast vorbei, heißt es. Durch Postbauer-Heng düst sie im schwarzen Mercedes 600 CL mit Schweizer Kennzeichen. Natürlich fehlt auch auf dem Heck der Limousine nicht der typische Kago-Schriftzug. Ihr Sohn Pierre leitet seit drei Jahren offiziell das Unternehmen.
Im Ort tuscheln sie jetzt wieder. An den Stammtischen klopft man dieser Tage nicht nur Schafkopf, sondern auch Sprüche. Jetzt, da Kago am Boden liegt, kommen sie wieder hoch, die alten Geschichten. Wie die von der verschwundenen Ziege Gonscho, die der Schäfer plötzlich in Kagos Privatzoo entdeckte. Oder wie Kago sich im Wirtshaus mit einem 100-Mark-Schein die Zigarre anzündete. Oder wie er wahlweise im cremefarbenen Maybach oder im Sechsspänner im Ort flanieren fuhr. Jeder hier kennt jemanden, der bei Kago arbeitet und nun um seine Zukunft zittert, wenn er nicht selbst dort arbeitet. Beliebt ist Kago nicht.
Es gab aber Zeiten, da war er wenigstens respektiert. "Ohne Kago hätte sich Postbauer-Heng nicht so entwickeln können", sagt Bürgermeister Kratzer. Aber als Mäzen der Gemeinde sieht er ihn nicht. "Ihn großzügig zu nennen wäre sicherlich übertrieben", sagt Kratzer. Er glaubt auch an eine Zukunft ohne den Paten von Postbauer-Heng. Sollte der Betrieb pleitegehen, gäbe es natürlich viele "familiäre Tragödien", sagt Kratzer. "Dann müssen wir uns um die Leute kümmern." Gerade die Älteren, befürchtet das Ortsoberhaupt, werden nur schwer einen neuen Job finden, auch wenn es in der Region beinahe Vollbeschäftigung gebe. Doch noch hat Kratzer Hoffnung, dass das Unternehmen Kago gerettet wird.
Das liegt jetzt an Volker Böhm. Böhm ist seit drei Wochen der vorläufige Insolvenzverwalter. Vergangenes Jahr wurde er als Sanierer von Rosenthal bekannt. Das lässt hoffen. Nach einem halben Jahr Insolvenzverfahren gelang Böhm im Sommer 2009 der Verkauf des Porzellanherstellers an eine italienische Firma. Jetzt kümmert er sich also um Kago. "Das ist eine ganz besondere, eine illustre Marke", sagt Böhm. Sogar im Ausland sucht er nach Investoren. "Interesse ist da." Das dürfte sich aber wohl weniger um die Produktion drehen als um die Marke und das gut ausgebaute Vertriebssystem. Kago hat in knapp 80 Städten Ausstellungsräume - und die könnten von einem Investor für eigene Produkte genutzt werden.
Im Dorf machen längst Gerüchte die Runde: Kago hätte ordentlich Kapital aus der Firma abgezogen, sie so gegen die Wand fahren lassen. Böhm schweigt dazu. Sein Team wühlt sich gerade durch die Bücher, das dauere noch einige Wochen, sagt er. Kago selbst will sich zu dem ganzen Fall nicht äußern. Fest steht jedenfalls: Das, was er vorgaukelt, hält der Betrieb nicht. Das Verwaltungsgebäude umgibt ein goldverzierter Zaun, alle paar Meter ist das goldene "K" eingelassen. Im Foyer erwarten den Besucher Säulen, goldene Spiegel und eine Samttapete. Ein roter Teppich, verziert mit Ks, führt ins Heiligste des Größenwahns. Ein großer Lüster baumelt im Konferenzraum, schweres Mobiliar und opulenter Stuck an den Decken tunken das triste Bürogebäude in aristokratisches Flair. Kopfschüttelnd führen die Mitarbeiter des Insolvenzverwalters durch die Räume. So etwas, sagt einer, habe er noch nicht gesehen.
Am Ortsrand, in den Werkshallen, ist es laut. Seit vergangener Woche wird wieder gearbeitet. Knapp 4000 Aufträge müssen noch abgearbeitet werden. Fünf bis sechs Millionen Euro hätten die Kunden bereits angezahlt, sagt Böhm. Die Fertigstellung der Kamine garantiert der Insolvenzverwalter. Und dann? Achselzucken in der Werkshalle. Keiner weiß so recht, wie es weitergehen soll. Die Belegschaft hat nicht einmal einen Betriebsrat. An veralteten Maschinen werden die Kacheln und Steinplatten für die Ofenbausätze zurechtgeschnitten. "Die Maschinen sind nicht mehr viel wert", sagt ein Mitarbeiter resigniert. Nach dem Boomjahr 2006 sollten neue gekauft werden, aber dann begann der Abstieg.
In der Belegschaft werden zwei milde Winter und die konjunkturelle Lage für den Niedergang verantwortlich gemacht. Der Bürgermeister glaubt, dass die Tage von Kachelöfen gezählt sind. Am Stammtisch heißt es, der junge Pierre Kago, ein Rechtsanwalt mit pomadigem Haar, verstehe nichts vom Geschäft und habe nie einen Draht zur Belegschaft aufbauen können. Der Insolvenzverwalter vermutet "hausgemachte Probleme". Kago habe zu spät auf den massiven Umsatzrückgang reagiert.
Weil der alte Kago bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geriet, trauen die Bewohner des Ortes ihm zu, auch diesmal getrickst zu haben. Im Dezember 2007 wurde er zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt, weil er gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen hatte. Steuerfahnder hatten in seinem Haus etliche nicht angemeldete Waffen gefunden. Er steht auch im Verdacht, Schwarzarbeiter aus Litauen in seinem Privatzoo und im Hotel beschäftigt zu haben, der Prozess läuft noch. Und er bekam Ärger wegen Titelmissbrauchs und Urkundenfälschung. Da verwundert es nicht, dass Kago angeblich einen noch nie in Erscheinung getretenen Mann als haftenden Gesellschafter eingesetzt haben soll, der bereits zweimal den Offenbarungseid leisten musste. In einem Fall der Insolvenz wäre bei dem nichts zu holen - und der Sonnenkönig dürfte wahrscheinlich in seinem Wasserschloss wohnen bleiben. Nur sein Volk würde ihn nicht mehr grüßen.
FTD, Jens Brambusch
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