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Die Rezepte der kleinen Firmen

Erschienen am 28. Mai 2009 | FTD, Maike Rademaker
Der Kasseler Spediteur Eugen Jung  (Foto: FTD/Andreas Oertzen)
Der Kasseler Spediteur Eugen Jung (Foto: FTD/Andreas Oertzen)
Wirtschaftsflaute? In Kassel begegnen betroffene Kleinunternehmer der Krise mit Kreativität. Nutzen Fördergelder von Land und EU, kooperieren und handeln Einkaufsrabatte aus. Oder lassen ihre Mitarbeiter aufgestauten Urlaub abfeiern.



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Auf der Jagd nach Fracht

Wer das Büro von Spediteur Eugen Jung betritt, weiß sofort: Hier arbeitet ein Jäger. Der Raum ist grün gehalten, ein Metallhirsch schmückt den Schrank, an der Wand hängt ein Bild mit Waldszene. Derzeit jagt der 63-jährige Kasseler Firmeninhaber aber weniger Wild als eine andere Art: Fracht für seine 40-Tonner, 18 an der Zahl. "Die Autobauer können nur Autos bauen. Ich kann alles fahren - von Autoteilen bis Lebensmittel", sagt Jung selbstbewusst.

Logistikzentrum spürt Abschwung sofort

Kassel, mitten in Deutschland, ist ein Logistikzentrum. Die Branche spürt sofort, wenn Firmen die Produktion reduzieren, Schiffe und Güterzüge stilliegen. "Es gibt keinen, der es nicht merkt", sagt Jung. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Straßenverkehrsgenossenschaft weiß er, dass manche Firmen bereits ein Drittel ihrer Flotten stilllegen mussten.

Entlassungen sind kein Thema

Nicht so Jungs eigene Spedition. Ihm ist zwar der Umsatz im Quartalsvergleich um elf Prozent eingebrochen. Kurzarbeit und Entlassungen sind für ihn dennoch derzeit kein Thema. "Meine 20 Fahrer feiern Urlaub ab oder ziehen ihn vor." Außerdem nutzt Jung wie viele andere Frachtunternehmen jetzt die Online-Frachtbörse Timocom.

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Antrag auf EU-Subventionen

Dort kann er Zuladungen buchen, wenn auch zu "miesen Preisen". Neue Kunden sucht er dagegen nicht: "Wenn es bei den bisherigen wieder losgeht, muss ich Gewehr bei Fuß stehen." Stattdessen beantragt er EU-Subventionen und prüft seine Kostenstruktur. Mit diesem Paket, glaubt er, wird das Familienunternehmen die Krise meistern.

Der Kasseler Automobilzulieferer Dirk Fräger  (Foto: FTD/Andreas Oertzen)
Der Kasseler Automobilzulieferer Dirk Fräger (Foto: FTD/Andreas Oertzen)

Autozulieferer kämpft

Andere Kasseler kämpfen mit mehr Schwierigkeiten, darunter Dirk Fräger, der Chef der gleichnamigen Autozulieferergruppe. "Wir haben schon im November gemerkt, dass der Markt für Nutzfahrzeuge zusammenbrach", sagt er. Die Lkw-Konjunktur hing zum großen Teil am Export.

"Wir wissen, unser Projekt passt"

"Dann kam der Einbruch im Pkw-Bereich im ersten Quartal." Fräger, der 500 Mitarbeiter beschäftigte, reagierte: 100 entlassene Leiharbeiter, Kurzarbeit, Zeitkonten. Zugleich richtete er eine Entwicklungsabteilung mit sechs Mitarbeitern ein, die Elektroantriebe erforschen soll. Dafür hat Fräger eine Förderung bei einem hessischen Forschungsprogramm beantragt. "Das wollen alle, aber wir wissen, unser Projekt passt."

Mit Bietergemeinschaft an die Strombörse

Zusätzlich weitet die Gruppe ihr Marketing bis nach China aus und sieht, wo sie sparen kann - auch über Netzwerke. So ging Fräger mit anderen Firmen in einer Bietergemeinschaft an die Strombörse, um Rabatte auszuhandeln.

Landesbürgschaften nur für den Notfall

Die Niederlassungen bilden Einkaufskooperativen. "Sonst macht jeder seins, das ist jetzt anders. Aber das gilt erst einmal nur für die Krise." Angebote der Bundesregierung wie Abwrackprämie und Bürgschaften helfen ihm dagegen im Moment nicht. Der Firmenchef prüft aber die Möglichkeit, Landesbürgschaften einzusetzen. "Im Notfall können wir die Karte dann ziehen."

"Krise war vorher"

Dass die Unternehmer so rührig und pragmatisch reagieren, kommt nicht von ungefähr. "Krise war vorher - die Region hat bereits die Krise als Zonenrandgebiet und die Strukturkrise überlebt", sagt Alfred Schmidt.

Intensive Betreuung durch Wirtschaftsförderung

Der ehemalige hessische Wirtschaftsminister ist jetzt Sonderbeauftragter Kassels für die Wirtschaftsförderung. 20.000 Firmen gibt es in der Region, vom kleinen Kiosk bis zu Niederlassungen von VW, Krauss-Maffei, SMA Solar Technology. Rund 1000 werden von der Förderung intensiv betreut. Die Mitarbeiter kommen häufiger als sonst, andere Aufgaben sind zurückgestellt.

Firmen erkennen Probleme zu spät

Man will Probleme rechtzeitig erkennen. "Wir haben bei den Banken eine moderierende Rolle übernommen, um zusätzliche Sicherheiten für die Unternehmen zu geben", sagt Schmidt. Oft kämen die Firmen zu spät mit ihren Problemen. "Wir müssen bei der Kreditvergabe aber vorher da sein."

Nicht alle werden überleben

Auch deswegen werden nicht alle Unternehmen die Krise überstehen. "Die Firmen, die bleiben, werden mit anderen innovativen Produkten bleiben", sagt Ulrich Spengler, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer. Zu der Gruppe will auch der Automobilzulieferer Dirk Fräger gehören - er aber auf Kosten ungeliebter Konkurrenz: "Es muss zu einer Marktbereinigung kommen, weil Firmen, die anhaltend vor der Insolvenz stehen, den Markt kaputt machen."


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Quelle: FTD, Maike Rademaker
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