
28.04.2009, 17:14 Uhr | FTD, Anja Rützel
Erfolgreiche Businessfrauen haben es nicht leicht, einen Partner zu finden. (Foto: Archiv)
Frauen sind einsame Spitze: Wenn sie in gehobenen Positionen arbeiten, ist es für sie schwer, einen Partner zu finden und zu halten. Eine Studie rät ihnen, Berufsstrategien im Büro zu lassen - weil Beziehungen kein Benchmarking vertragen.
Manchmal hilft ducken. Sich kleinmachen und selbst degradieren, wenigstens am Anfang. "Eine Freundin von mir macht richtig Karriere bei einer Bank", sagt Isabel Klimt. Wenn sie aber jemanden kennenlerne, erzähle die Freundin manchmal, sie sei Bankangestellte, damit sich die Männer nicht direkt erschreckten. "Bankangestellte - das könnte ja auch am Schalter sein." Die Frau, die diese Geschichte erzählt, ist 40 Jahre alt, kommt aus Österreich und ist selbst sehr erfolgreich. Sie heißt nicht wirklich Isabel Klimt, doch ihren Namen will sie nicht nennen, und auch ihren Beruf und ihre Position verrät sie nur stückchenweise: Direktionsmitglied eines Schweizer Finanzunternehmens sei sie, zuständig für strategische Neuausrichtung. Genaueres verschweigt sie lieber, denn es geht um ein heikles Thema: Darum, dass Karrierefrauen in Liebes- und Beziehungsdingen oft ausgesprochen unerfolgreich sind.
Isabel Klimt ist geschieden. "Meine erste Ehe ist gescheitert, weil ich kurz nach dem Studium geheiratet habe und dann recht schnell in eine gehobene Position kam", sagt sie. "Ich war sehr schnell sehr erfolgreich und habe vor allem mehr verdient als mein Ehemann. Das hat er nach drei, vier Jahren nicht gut verkraftet." Erfolgreiche Frauen haben nämlich nicht nur Probleme damit, einen passenden Partner zu finden: Ebenso schwierig ist es, die Beziehung auch am Laufen zu halten, hat eine aktuelle Studie herausgefunden.
"Intelligent, schön, erfolgreich - und Single. Der stille Schmerz von Frauen in Führungspositionen" heißt die Untersuchung, in der Business Coach Christina Künzle das Liebesleid Schweizer Karrierefrauen analysiert hat. Ihr Ergebnis, das auch in nüchternem Wissenschaftsdeutsch noch traurig klingt: "Es ist eine eindeutig positive Korrelation festzustellen zwischen beruflichem Aufstieg und privatem Misserfolg."
Das Klischee von den erfolgreichen Frauen, die weniger erfolgreiche Partnerschaften führen, lässt sich demnach statistisch belegen - und ihr Unglück wird obendrein immer größer: So sank nach Künzles Untersuchungen der Anteil weiblicher Führungskräfte im Alter zwischen 30 und 59 Jahren, die ihre Beziehung als gut bezeichnen, von 54,7 Prozent im Jahr 2004 auf 46,7 Prozent im Jahr 2008. Im selben Jahr hielten 20 Prozent der Frauen in Führungspositionen ihre Beziehung für "schlecht", 2004 waren es nur 17,4 Prozent.
Auch der Anteil geschiedener weiblicher Führungskräfte nimmt zu: 2004 waren 14 Prozent geschieden, 2008 bereits 23,8 Prozent. Ein Drittel der Frauen an der Spitze sind Single, obwohl sie sich eine Partnerschaft wünschen. Wie Daniela Sinzig (Name geändert), 32 Jahre und in leitender Position bei SAP tätig. Sie ist seit vier Jahren Single und sucht vor allem auf Internetdatingseiten nach einem Partner. "Allerdings bin ich beruflich so eingebunden, dass ich oft einfach keine Zeit habe, zu chatten oder nonstop E-Mails zu schreiben", sagt sie.
Isabel Klimt lernte ihren jetzigen Partner im Beruf kennen, bei einer gemeinsam besuchten Konferenz. Mit ihm ist sie seit zehn Jahren zusammen, sieht ihn aber nur selten - - er lebt und arbeitet im Ausland. So führt sie zumindest unter der Woche eine Art Singleleben. Es habe Vorteile, seine Beziehung "ins Ausland auszulagern", wie sie es nennt: "Unter der Woche bin ich disponibel", sagt sie in ihrer Betriebswirtschaftlersprache. "Ich habe niemanden, der zu Hause sitzt und sagt, ich soll Hemden bügeln, oder der sich aufregt, weil ich nicht vor acht nach Hause komme."
Der größte Vorteil am Auslandsarrangement: "Es entschärft die Konkurrenzsituation in der Beziehung. Man kann die Gehälter nicht mehr direkt vergleichen. Den Status, der mit dem Job verbunden ist, auch nicht." Männer könnten besser damit umgehen, wenn ihre Frauen in der Schweiz mehr verdienen, weil sie wüssten, dass das Gehaltsniveau dort ohnehin um einiges höher sei. Ohnehin wollen viele Menschen gar nicht so genau wissen, wie viel ihr Partner verdient, zeigt eine Umfrage der "Apotheken Umschau": Jeder Zehnte gab an, den Verdienst des Partners nicht zu kennen. Elf Prozent erklärten, sich dafür einfach nicht zu interessieren.
Womöglich, findet Isabel Klimt, sei es generell besser, wenn der Partner sich nicht gesteigert für den Beruf seiner erfolgreichen Partnerin interessiere: "Diese Diskussion habe ich mit meinen Kolleginnen und Freundinnen schon unendlich viele Male geführt. Mittelfristig ist es wahrscheinlich tatsächlich einfacher, wenn der Partner in einer völlig anderen Branche ist." Eine Freundin von ihr sei mit einem Techniker zusammen, der halb so viel verdiene wie sie. "Was auch gut klappt, sind Beziehungen zu Künstlern oder zu jüngeren Männern." Allzu fern dürfen sich die Lebenswelten allerdings auch nicht sein. Daniela Sinzigs letzte Beziehung scheiterte genau daran: "Er war LKW-Fahrer. Wir mochten uns sehr, doch wir waren einfach zu verschieden."
Dass gegenseitige Zuneigung nicht ausreicht, wenn der stressige Alltag an der Liebe zerrt, ist auch weniger erfolgreichen Menschen bekannt. Isabel Klimts Job verlangt ihrem Partner jedoch überdurchschnittliche Flexibilität ab: "Wenn ich geschäftlich in der ganzen Welt unterwegs bin, reist mir mein Partner nach, wenn er Zeit hat. Ihm fällt da von seiner Persönlichkeit her auch kein Zacken aus der Krone, weil er ein unheimliches Selbstbewusstsein hat. Sonst würde er das vermutlich nicht überleben." Christina Künzle kann auch jene Männer verstehen, die mit dieser Rollenverteilung ihre Probleme hätten: "Dahinter stehen immerhin 10.000 Jahre gelerntes Rollenverhalten: Der Mann muss eben stark sein und die Frau behüten und umsorgen, und die Frau kümmert sich um das Innenleben. Wenn dieses Muster gekippt wird, ist das auf einer archetypischen, symbolischen Ebene sehr schwierig."
Umgekehrt sei es für die Frau nicht leicht, ihre - sozialgeschichtlich gesehen - noch ungewohnte Führungsrolle immer richtig dosiert einzusetzen. "Karrierefrauen neigen manchmal dazu, ihre Beziehungen zu managen, wie sie ihren Job managen", sagt Künzle. Wer wie Isabel Klimt jeden Tag bis zu zwölf Stunden über strategische Neuausrichtungen für sein Finanzunternehmen nachdenkt, kann sich von dieser Denkweise nach Feierabend nicht automatisch lösen. "Im Management geht es um knallharte Resultatorientierung. Wie das Ergebnis zustande kommt, ist am Ende sekundär", sagt sie. "Eine Beziehung ist aber eher prozessorientiert, es geht vor allem darum, sie am Laufen zu halten, nicht um irgendein messbares Ergebnis. Dieser Switch vom Arbeitsdenken zum Freizeitdenken ist gar nicht so trivial."
Auch Isabel Klimt hat gelegentlich mit dem Umschalten zu kämpfen: "Ich bekomme das auch gelegentlich vorgeworfen, allerdings von meiner Mutter. Wenn ich manchmal schon direkt aus dem Job und direkt vom Flughafen gestresst bei ihr angekommen bin und mit ihr geredet habe, dann hat sie schon gesagt, du, warte mal, du redest jetzt aber nicht mit einer Mitarbeiterin."
In ihrer Beziehungsstudie nennt Künzle dieses Problem als einen der Gründe, warum Beziehungen für Karrierefrauen noch komplizierter scheinen als für ihre Geschlechtsgenossinnen: Was im Beruf gut funktioniere, wirke privat oft gegenteilig. "Durchsetzungsstärke wird zu Hause als Rücksichtslosigkeit verstanden, Kostenbewusstsein als Geiz und souveränes Delegieren als Kontrolle." Bewerten, Messen, Vergleichen gehört für Führungskräfte zwar zum Alltag: "Aber Benchmarking im Privaten ist destruktiv." Trotzdem sei es möglich, sich aus diesen Mustern zu lösen. "Wenn einem diese Mechanismen bekannt sind, kann man gegensteuern: Man kann miteinander sprechen, wie man sich fühlt, welche Ängste man hat. Nur wenn man über das, was innerlich abgeht, ehrlich sprechen kann, hat eine Partnerschaft auch unter Extrembedingungen eine Chance."
Doch auch offene Gespräche helfen nur bedingt, wenn beide Partner beruflich stark eingespannt sind, weil fast zwangsläufig eine Rolle unbesetzt bleibt: die des verständnisvollen Unterstützers, sagt Künzle: "Wenn beide Spitzenpositionen haben, wer spielt dann die Schulter zum Anlehnen?" Es kann der Beziehung also nur nützen, wenn beide Partner unterschiedlich ehrgeizig sind. "Mein Partner hat zum Glück keine zu großen Karriereambitionen, er ist zufrieden mit seiner mittleren Managementposition", sagt Isabel Klimt. Ihr selbst sei seine Position nicht besonders wichtig: "Das ist der Irrglaube der Männer, dass Frauen von ihnen das ganz große Karrierestreben erwarten. Mir ist es wichtig, dass er zufrieden ist. Natürlich ist es mir recht, dass er sich selbst erhalten kann und froh ist in seinem Job - das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich will ja keinen depressiven Mann mit Minderwertigkeitskomplexen daheim sitzen haben."
Im Sinn einer cleveren Beutestrategie müssten sich Karrierefrauen einen Mann suchen, der damit zufrieden ist, sie zu unterstützen und auf sie stolz zu sein, erklärt Künzle. "Doch in der Realität sucht eine starke Frau einen noch stärkeren Mann. Weil ein starker Mann meist aber nicht eine starke Frau sucht, gibt es da ein Missverhältnis." Künzle spricht außerdem von einer "Beziehungs-Ungleichheit", die an die Stelle ungleicher Bezahlung trete: Weibliche Führungskräfte müssten demnach häufig mit privater Einsamkeit für ihre Karriere bezahlen, während ihre männlichen Kollegen durch ihren beruflichen Erfolg eher noch anziehender auf Frauen wirkten, was "ihre Wahlmöglichkeiten signifikant erhöht".
Daniela Sinzigs Auswahl ist durch ihre Position dagegen eher eingeschränkt: "Mit manchen Männern habe ich mich sehr gut verstanden - bis sie sehr schnell klargestellt haben, dass sie jemanden suchen, der sich um Kinder und Haushalt kümmern und zu Hause bleiben will."
Dabei handeln erfolgreiche Männer eigentlich gegen ihre ökonomischen Instinkte, wenn sie erfolgreiche Frauen als Partnerinnen ablehnen. Künzle will nicht ausschließen, dass die blanke wirtschaftliche Not die Männer bald umdenken lassen könnte: "Oft wurde die Emanzipation durch äußere Umstände beschleunigt." Und eigentlich müsste es auch den Verfechtern traditioneller Rollenverteilung einleuchten, dass eine Frau an ihrer Seite, die ebenfalls fest im Berufsleben steht und dort erfolgreich ist, in schweren Zeiten ein äußerst glücklicher Umstand ist. Vielleicht zeigt die Finanzkrise bald also ihre romantische Seite - und gibt der Liebe auf höchster Ebene eine neue Chance.
FTD, Anja Rützel
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