
24.12.2009, 10:30 Uhr | FTD, Markus Brügge
Karrieretipps der Eltern an Weihnachten kommen nicht immer gut an. (Foto: Imago)
Mit den Eltern über den Job reden - das kann grausam enden, lässt sich aber gerade an Weihnachten oft nicht vermeiden. Doch wer sich darauf einlässt, kann durchaus noch etwas lernen.
Heiligabend. Auf dem Tisch brodelt der Fonduetopf, im Hintergrund tickt die Standuhr, am Baum funkeln die elektrischen Kerzen. Dann stellt mein Vater die unvermeidliche Frage, alle Jahre wieder: "Warum hast du eigentlich noch keine Anstellung auf Lebenszeit?" Gefolgt von dem unvermeidlichen Satz: "Ich sag ja immer - egal was man macht, Hauptsache am Monatsanfang ist das gleiche Geld auf dem Konto." Unvermeidlich bin ich wieder außer mir.
In meinem Freundeskreis kennt beinahe jeder den Horror, der meist mit dieser oder einer ähnlichen Frage losbricht: "Und, wie läuft es so in der Firma?" In der Regel folgen elterliche Karrieretipps, wie "Du musst einfach mal richtig auf den Tisch hauen", "Geh doch mal mit dem Vorstand essen und erzähl ihm von deiner Idee!" oder auch "Dein Vater hat solche Chancen im Betrieb ja immer konsequent genutzt." Egal ob die Mutter Bürokauffrau und der Sohn Diplomkaufmann, die Tochter Biologin und der Vater Banker ist, beraten wird gern, meist mit leicht vorwurfsvollem Unterton.
"Natürlich hat sich vieles radikal verändert", sagt Elisabeth Strack, Personalberaterin in Hamburg, "immerhin gab es manche Branchen damals noch gar nicht." Dennoch glaubt sie, dass manches gleich geblieben ist. Was man heute etwa Soft Skills nenne, sei auch schon bei der Elterngeneration gefragt gewesen: Kritikfähigkeit, Respekt oder ein freundlicher, höflicher Umgang mit den Kollegen.
Manche holzschnittartigen Elternsprüche scheinen tatsächlich kein Verfallsdatum zu haben. "Ich habe mal zu einer Studentin gesagt, die einen eher unorthodoxen Kleidungsstil hatte: 'Wollen Sie durch ihren Kopf auffallen oder durch ihre Kleidung?'", sagt Eberhard Hauser. Genau diesen Satz bekam der Karriereberater schon von seiner Mutter zu hören. Er glaubt, dass das ein gelungenes Beispiel für elterliche Ratschläge ist. "Hätte meine Mutter damals gesagt: 'Wie siehst du denn aus, so kann man doch nicht rumlaufen' - ich hätte mir den Spruch sicher nicht gemerkt."
Doch was so nutzt viel Behutsamkeit, wenn Vaters Rat auf grundsätzlich anderen Bedingungen fußt als Sohnemanns Ziele? "Heute haben die Berufstätigen einen anderen Blick auf ihren Job als früher", sagt Rolf von Lüde, Arbeitssoziologe an der Uni Hamburg. Einkommen und Sicherheit seien nicht unwichtig, "aber die Selbstverwirklichung steht doch deutlich stärker im Vordergrund". Sprüche à la "Kopf einziehen, Zähne zusammenbeißen" kommen da ganz schlecht an. Von Lüde und Hauser sind sicher, dass man heute mit Duckmäusertum nicht weit kommt. "Sich korrekt verhalten, ja. Aber nicht die Hände an der Hosennaht haben, sondern auch mal originell sein, selbstbewusst, frech", sagt Hauser.
Ein Plus hat die Elterngeneration aber auf jeden Fall. "Der Vater oder die Mutter haben Jahrzehnte in der Arbeitswelt verbracht. Wer das nicht völlig blind getan hat, wird Veränderung überblicken und analysieren können", sagt von Lüde. Vor allem, wer in einem anspruchsvollen Job gearbeitet habe, könne abschätzen, welche Branche krisenanfällig ist oder welcher Karriereweg den besseren Job verspricht. "Dann muss man es nur noch schaffen, den klassischen Eltern-Kind-Konflikt zu vermeiden." Hauser ist überzeugt, dass Eltern dann als Tippgeber ankommen, wenn sie nicht einfach Büroanekdoten zum Besten geben, in denen sie stets als Gewinner dastehen. "Es muss eine Übertragungsleistung stattfinden, der Vater oder die Mutter muss sich überlegen, welche Quintessenz in den eigenen Erfahrungen steckt - dann wird man bei seinen Kindern Gehör finden."
Spannend ist so eine Situation sicher im Hause von René Obermann oder Jürgen Hambrecht. Der Telekom- und der BASF-Chef gaben bei einer Umfrage an, ihren Kindern Businessratschläge zu geben. Obermann hat seine Töchter sogar sehr konkret angewiesen, Mathematik, Technik oder Naturwissenschaften zu studieren, da der Frauenanteil in diesen Fächern immer noch gering sei. Ob die Obermann-Töchter den Tipp beherzigten, ist nicht bekannt.
FTD, Markus Brügge
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