
18.11.2009, 10:46 Uhr | Financial Times Deutschland, Katharina Lotter
Wohnmobilbau bei Knaus Tabbert im bayerischen Jandelsbrunn (Foto: dpa)
Wenn nur der Verkauf ein insolventes Unternehmen wie Knaus Tabbert retten kann, zählt jede Minute. Egal, ob ein paar Feiertage dazwischenkommen.
Heiligabend 2008. In Jandelsbrunn, einem 4000-Seelen-Dorf bei Passau, stimmen sich die Menschen auf die Feiertage ein. Letzte Einkäufe, ein letzter Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Zur gleichen Zeit sind einige Männer in Eile. Sie wollen nichts kaufen, sie sollen etwas verkaufen. Ein Unternehmen.
Knaus Tabbert, Hersteller von Reisemobilen und Wohnwagen, Arbeitgeber von 1400 Menschen im hessischen Mottgers, im ungarischen Nagyoroszi, und eben hier, in Jandelsbrunn. Finden sie über die Feiertage keine Lösung, ist Knaus Tabbert zu Neujahr Geschichte. Statt erwarteter 300 Millionen Euro setzt die Firma 2008 nur 180 Millionen Euro um. Im Oktober geht das Geld aus, die Banken verweigern weitere Kredite, das Unternehmen stellt Antrag auf Insolvenz.
Aus diesem Grund verbringen fast 20 Männer Heiligabend nicht mit ihren Familien, sondern an Telefonhörern und Bildschirmen. Kopf der Truppe ist Michael Jaffé. Der Rechtsanwalt ist eine Größe in diesem Geschäft. 2005 rettete er die Deggendorfer Textilwerke, keine 70 Kilometer von Jandelsbrunn entfernt. Zu seinem Kernteam gehören Michael Blatz, Berater von Roland Berger, und Christian Pleister von der Kanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz.
Die Zeit war knapp für den Insolvenzverwalter. Schon seit Wochen stehen die Männer unter Druck. Als das Amtsgericht Passau Jaffé am 9. Oktober zum Insolvenzverwalter ernennt, bleiben weniger als drei Monate. Am 1. Januar 2009 würde der Betrieb bei Knaus Tabbert eingestellt. Bis dahin muss Jaffé frisches Geld aufzutreiben. Doch vor der Suche nach Investoren gibt es eine noch wichtigere Aufgabe für einen Insolvenzverwalter: den Laden am Laufen halten. Für drei Monate zahlt die Bundesagentur für Arbeit Gehalt- und Lohnzahlungen. Insolvenzgeld nennt sich das.
Der Haken: Ausgezahlt wird erst nach Ablauf der drei Monate. Zum Glück findet Jaffé eine Bank, auf die die Mitarbeiter ihre Insolvenzgeld-Ansprüche überschreiben. Aber da sind noch die ausstehenden Verbindlichkeiten. Jaffé holt alle großen Gläubiger zusammen und vereinbart, dass sie ihre Ansprüche vorerst nicht eintreiben. Fahrzeuge, die auf Halde stehen, lässt er in Sonderaktionen gegen Vorkasse verkaufen, offene Forderungen treibt er mit Nachdruck ein, nervös gewordenen Händlern sichert er zu, dass Gewährleistungsansprüche gewahrt bleiben.
Liquidieren oder Verkaufen? Dabei hilft Jaffé ein positives Signal aus Nagyoroszi, wo die Sitzpolster für alle Knaus-Tabbert-Fahrzeuge genäht werden. Dort haben die Gläubiger erklärt, ihre Forderungen bis Anfang 2009 zu stunden. Solche Rücksichtnahme sei nicht ungewöhnlich in der Automobilbranche, sagt Rechtsanwalt Andreas Stilcken von White&Case in Frankfurt: "Große Automobilkonzerne haben eigene Töpfe für den Fall, dass Zulieferer in eine Krise geraten, und sind damit fast in einer Bankenpoolsituation." Die Vorgehensweisen variieren dabei. Einige Gläubiger gewähren Kredite, andere zahlen Unterlieferanten aus, manche überweisen Gelder früher als vereinbart.
Die Königsdisziplin beginnt erst jetzt: die Suche nach einem Käufer. Anwalt Pleister stellt für die Interessenten Memoranden zusammen. Eine umfangreiche Aufgabe, denn Knaus Tabbert soll als Asset-Deal über die Bühne gehen. Das heißt: Sämtliche Wirtschaftsgüter wechseln einzeln den Eigentümer - Grundstücke, Gebäude, Maschinen. Die Alternative wäre ein Verkauf des gesamten Unternehmens. Dann müsste der Käufer sämtliche offenen Rechnungen begleichen. So wird Jaffé die Schulden später von dem Geld begleichen, das er von den Käufern erhält.
Quelle: Euler Hermes
* Schätzung von Euler Hermes. Ab 2008 eingeschränkte Vergleichbarkeit zu Vorjahren durch Umstellung auf neue WZ 2008. WZ 2008 steht für die in der deutschen amtlichen Statistik derzeit gebräuchliche Klassifikation der Wirtschaftszweige.
Die Assets zusammenzustellen, ist Aufgabe von Unternehmensberater Blatz. Ein Balanceakt. Denn die Memoranden, die an 36 potenzielle Käufern verschickt werden, sollen Appetit machen, aber nicht zu viel ausplaudern. Schließlich könnten Konkurrenten die Gelegenheit nutzen, um mal eben herauszufinden, wie hoch die Margen von Knaus Tabbert liegen, wo mit welchen Rabatten eingekauft wird. Jaffé entwirft derweil ein Restrukturierungskonzept: Wie viel Substanz ist im Unternehmen noch vorhanden? Wie kann es wieder auf die Beine kommen? Wie werden sich die Märkte voraussichtlich entwickeln?
Dazu holt er die Berater von Roland Berger ins Boot. Externe Fachleute sorgen für größeres Vertrauen bei den Bietern. Doch die Interessenten müssen nicht nur den Kaufpreis übernehmen. Um wieder loszulegen, braucht das Unternehmen Betriebsmittel: Motoren, Bleche, Schrauben. Die dafür kalkulierte Kosten belaufen sich auf 28 Millionen Euro - ein Risiko, das kaum ein Käufer allein tragen will. Also klopft Jaffé bei den Ländern an.
Tatsächlich: Bayern und Baden-Württemberg signalisieren, dass sie eine Landesbürgschaften stellen würden. Auch hier gibt es einen Haken: Die Länder dürfen für maximal 80 Prozent der Summe geradestehen - das verlangt das EU-Beihilfegesetz. Für den Rest muss der Käufer Sicherheiten nachweisen können. Nur, dass der Käufer ja noch gefunden werden muss. Innerhalb von Wochen passiert, wofür man sich sonst bei Unternehmenskäufen schon mal 18 Monate Zeit nimmt: die Due-Diligence, das Abklopfen des Unternehmens auf Stärken und Schwächen.
Mitte November sehen sich sieben verbliebene Investoren das Unternehmen vor Ort an. Und den Datenraum. Datenräume sind inzwischen oft Internetportale, über die Kaufinteressenten auf alle wichtigen Dokumente zugreifen können. Bei Knaus Tabbert ist der Datenraum tatsächlich ein Zimmer. Vollgestellt mit Akten. Hier findet sich, was aus den Memoranden noch herausgehalten wurde. Zutritt erhält nur, wer eine Verschwiegenheitserklärung unterschreibt.
Am 23. Dezember sind noch drei Interessenten im Rennen. Zwei deutsche Investorengruppen, eine davon aus München, und die niederländische HTP Investment - eine Gruppe, die auf die Sanierung angeschlagener Unternehmen spezialisiert ist. Bereits an diesem Abend wäre der Vertrag mit HTP ausverhandelt, zumindest, was die Finanzen angeht. Nur Details müssen geklärt werden, etwa über Materialmengen und Vereinbarungen mit Zulieferern. Aber deswegen den anderen Interessenten absagen? So läuft eine Insolvenz nicht. Was, wenn die Niederländer plötzlich nicht mehr unterschreiben wollen? "Alles auf eine Karte zu setzen, wäre fahrlässig", sagt Jaffé.
Während sich in Deutschland die Familien um Weihnachtsbäume und -gänse versammeln, brennt in den Büros der Verhandlungspartner die Luft. Einige Beteiligte schalten sich sogar aus dem Skiurlaub in die Telefonkonferenzen ein. Ob ein Angebot akzeptabel ist oder nicht, reduziert sich für sie nicht auf die Frage, wer mehr zahlt. Es geht auch darum, ob alle drei Standorte erhalten bleiben. Da punkten die Niederländer, weil sie die Grundstücke kaufen wollen. Die anderen Investoren sprechen lediglich von Pacht.
Es geht auch um die Zahl der Mitarbeiter, die bleiben werden. Darum, ob die Auszubildenden übernommen werden. Und es geht um die finanzielle Situation der Bieter. Kann eine Gruppe, hinter der Einzelpersonen stehen, das langfristige Überleben eines Unternehmens so garantieren wie die Niederländer, die selbst Industriebeteiligungen betreiben und damit auf zwei Milliarden Euro Jahresumsatz kommen? Und welcher der Investoren wäre bereit, die 20 Prozent der Landesbürgschaft zu übernehmen? Auf diese Frage sagen nur die Niederländer uneingeschränkt "Ja". Manche dieser Verhandlungen enden erst um vier Uhr morgens. Um acht Uhr am Folgetag geht es weiter. "Danach sehnt sich niemand", sagt Anwalt Pleister.
Nur für zwei Stunden gibt es eine Pause: An Heiligabend zwischen 18 und 20 Uhr. Am 30. Dezember legt Jaffé den Investoren von HTP einen fertigen Vertrag auf den Tisch. Die Niederländer sind seine Favoriten. Nicht nur wegen ihrer finanziellen Absicherung und der Bürgschaftszusage. Als einzige haben sie ein Konzept vorgelegt, dass einen europaweiten Ausbau von Knaus Tabbert vorsieht und nicht nur die Weiterführung des Betriebs.
Nach dem Vertrag folgt das Zittern, bis die Länder grünes Licht geben HTP unterschreibt. Alle drei Standorte werden erhalten, 1000 der insgesamt 1400 Arbeitsplätze erhalten. Zwei Tage später, am Neujahrstag 2009, stimmt der Gläubigerausschuss zu. "Das war wie eine verspätete Bescherung", sagt Michael Jaffé. Noch drei Wochen zittern die Juristen. Denn erst am 23.Januar 2009 beschließt das bayerische Kabinett die versprochene Bürgschaft. Erst jetzt ist der Deal offiziell. Im März laufen die Bänder bei Knaus Tabbert wieder an. Da sind die Väter des Wintermärchens schon längst wieder mit anderen Deals beschäftigt. Zu tun gibt es genug.
Stück für Stück |
Rosinen picken |
Bei einem Asset-Deal werden sämtliche Wirtschaftsgüter eines Unternehmens wie Immobilien, Grundstücke oder Maschinen einzeln an den Käufer übertragen. Diese Variante des Unternehmensverkaufs ist die Regel bei Insolvenzen. |
Der ganze Kuchen |
Als Gegensatz zum Asset-Deal werden beim Share-Deal die Anteile an einem Unternehmen verkauft. Dabei bleiben sämtliche Verträge des Unternehmens, inklusive Arbeitsverträgen |
Financial Times Deutschland, Katharina Lotter
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