
23.12.2009, 9:19 Uhr | manager-magazin.de, Arvid Kaiser
Immer mehr Selbstständige stehen zurzeit vor dem wirtschaftlichen Aus. (Foto: Imago)
Rund 100.000 Privatpersonen jährlich landen wegen Zahlungsunfähigkeit vor Gericht. Die Zahlen dürften als Folge der Krise noch steigen, weil Überschuldung erst mit mehreren Jahren Verzögerung zum Insolvenzverfahren führt. Laut einem neuen Report sind Selbstständige eine besonders wichtige Risikogruppe.
"Selbstständigkeit lohnt sich nicht in Deutschland", sagt Udo Reifner. "Das Risiko ist viel zu hoch", urteilt der Direktor des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF). Der aktuelle Überschuldungsreport des Instituts hebt ein Problem hervor, das oft unter dem Radar von Sozialpolitikern und Verbraucherzentralen bleibt:
Jeder Zehnte, der sich an eine Schuldnerberatung wendet, ist selbstständig - damit sind die Selbstständigen im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung deutlich überrepräsentiert. Zudem ist die Summe ihrer Schulden deutlich höher: im Durchschnitt 90.000 Euro, mehr als dreimal so viel wie bei den anderen Überschuldeten. Gleichzeitig ist ihr Einkommen nur geringfügig höher, im Durchschnitt 1215 Euro netto im Monat. Die Selbstständigen haben auch einen höheren Anteil ihrer Schulden bei Banken, anderen gewerblichen Gläubigern und der öffentlichen Hand - hier vor allem beim Finanzamt.
Das IFF vermutet darüber hinaus eine hohe Dunkelziffer, weil viele Selbstständige sich nicht an Schuldnerberatungen wenden. Wie viele der knapp 100.000 Verbraucherinsolvenzen im Jahr Selbstständige betreffen, wird nicht erhoben. Die Statistik der Unternehmensinsolvenzen gibt aber Hinweise. Von 34.300 Firmen, die sich in diesem Jahr zahlungsunfähig meldeten, waren laut dem Schuldneratlas der Auskunftei Creditreform die Hälfte Kleingewerbetreibende oder Freiberufler.
IFF-Direktor Reifner vermutet aus seiner Beratungspraxis, dass Scheinselbstständige einen hohen Anteil der Überschuldeten ausmachen. "Die sind von ihren Unternehmen in die Scheinselbstständigkeit gedrängt worden", sagt er - unverschuldetes Schicksal also, noch stärker als es ohnehin oft in die Schuldenfalle führt. Nur bei 3 Prozent der selbstständigen Schuldner nennen die Schuldnerberater das Konsumverhalten als eine Ursache der Überschuldung - insgesamt spielt das immerhin bei jedem zehnten Fall eine Rolle.
"Es gibt noch viele Vorurteile, die Schuldner seien faul und zahlten deswegen nicht", sagt Reifner. Die Zahlen bewiesen aber das Gegenteil. "Die Menschen sind überschuldet, weil sie in Situationen geraten, die in unserer Wirtschaftsordnung nicht vorgesehen sind." Beispielsweise gingen Kreditverträge von der unrealistischen Annahme aus, dass über die gesamte Laufzeit des Kredits kontinuierlich Gehalt eingeht. Schon kurze Phasen der Arbeitslosigkeit führten so zum Zahlungsverzug, obwohl der Schuldner langfristig durchaus in der Lage wäre, die Forderungen der Bank zu begleichen.
"Produktiv ist das System nicht", kritisiert Reifner. "Wir geben ein Riesenpotenzial für Arbeitsplätze und Wirtschaftsleistung verloren." Um daran etwas zu ändern, müssten vor allem die Kreditverträge flexibler gestaltet werden. "Da fehlen mir auch bei den Banken neue Ideen", sagt Reifner. Auch auf Vorschlag des IFF sei ein außergerichtlicher Vergleich als Alternative zur gerichtlichen Verfahren in die Verbraucherinsolvenzordnung aufgenommen worden. Dieses erst 1999 geschaffene Verfahren bezeichnet Reifner als "gescheitert". "Es bringt überhaupt keine Erleichterung", urteilt der IFF-Direktor - in anderen Ländern wie Frankreich werde das Ziel eines schuldenfreien Neustarts viel besser erreicht.
Nach Berechnungen des Instituts vergehen in der Regel 14 bis 15 Jahre vom Auslöser der Überschuldung (meistens Arbeitslosigkeit, oft auch Scheidung oder Krankheit) bis zur Löschung aus den Registern der Auskunfteien wie Schufa und dem oft dann erst möglichen Neubeginn. Das Verfahren selbst dauere rund sechs Jahre. Ein Forderungsverzicht sei meist die bessere Lösung, "so wie es Unternehmen untereinander ja auch handhaben". Dagegen spreche nur der Aufwand, sich mit dem Einzelfall zu beschäftigen. Doch "die Rechtsabteilungen großer Banken lehnen das pauschal ab", kritisiert Reifner. "Der außergerichtliche Vergleich scheitert in 90 bis 95 Prozent der Fälle an den Gläubigern", bestätigt Hjördis Christiansen von der Verbraucherzentrale Hamburg.
Schwierige Zeiten für Selbstständige - nicht nur, wenn sie zahlungsunfähig werden. Insgesamt wurde in diesem Jahr die Rekordzahl von 740.300 unternehmerischen Existenzen aus den Registern gelöscht - die meisten davon allerdings nach freiwilliger Geschäftsaufgabe. Zugleich meldet Creditreform eine Zunahme der Gründerzahlen. Wesentlich mehr neue Unternehmen entstanden nur zur Boomzeit der Ich-AGs als Teil der Hartz-Reform 2003/2004. Auch heute noch spielen die Gründerzuschüsse der Arbeitsagentur eine große Rolle.
Unterm Strich steigt die Zahl der Selbstständigen, was die Auskunftei dem "Push-Faktor" des schlechteren Arbeitsmarkts zuschreibt - Selbstständigkeit als Alternative zur Arbeitslosigkeit. Ein Viertel aller neuen Einträge in den Handelsregistern wird als "unternehmensnahe Dienstleistungen" geführt. "Nicht wenige dieser Existenzen dürften in absehbarer Zeit wieder von der Bildfläche verschwinden", so die Analyse.
manager-magazin.de, Arvid Kaiser
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