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Traditionsunternehmen: Die Retter von Junghans

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Die Retter von Junghans

01.04.2009, 10:26 Uhr | FTD, Horst von Buttlar

Armbanduhr des Schwarzwälder Uhrenhersteller Junghans (Foto: dpa)

Armbanduhr des Schwarzwälder Uhrenhersteller Junghans (Foto: dpa)

Als Junghans im Herbst in die Insolvenz rutscht, fürchten die Mitarbeiter das endgültige Aus. Bis zwei Unternehmer aus dem Ort den einst weltgrößten Uhrenhersteller kaufen - damit die Produktion in der Heimat bleibt. Ein modernes Märchen.

Neue Herren im Uhrenreich

Sie gehen durch ihr neues Reich, das so lange nicht geblüht hat. Der Vater noch wie ein Fremder, wie ein Gast, er will Türen öffnen, die verschlossen sind. Er biegt falsch ab, er schaut Mitarbeitern über die Schulter und lächelt, als wolle er fragen: "Und was machen Sie?" Der Sohn schreitet schon mehr, die Hände auf dem Rücken gefaltet, ganz wie der neue Herr, er kennt Namen, Produkte und Preise, als würde er seit Jahren nichts anderes machen: Uhren produzieren. Sie machen es aber erst seit ein paar Wochen, Hans-Jochem Steim, der Vater, und Hannes Steim, der Sohn. Sie haben Junghans gekauft, den Uhrenhersteller aus Schramberg im Schwarzwald, der einmal der größte der Welt war.

Der Unternehmer Hans-Jochem Steim  (Foto: ddp)Der Unternehmer Hans-Jochem Steim (Foto: ddp)

Nach der Pleite geht es weiter

Und wie die Angestellten sie anschauen! Ehrfürchtig, zögerlich lächelnd, es sind Gesichter darunter, in denen bereits viel zusammengefallen ist, Gesichter, die Angst kennen. Hoch konzentriert sind sie, es ist eine totenstille Arbeit, ein Schrauben und Stecken, Feilen und Polieren von Zeigern, Rädchen, Ziffernblättern, und doch wandern die Augen still nach oben, wenn die neuen Eigentümer kommen. Sie scheinen es immer noch nicht glauben zu können, was ihnen widerfahren ist: Junghans ist gerettet, es geht weiter nach der Insolvenz, in Schramberg werden auch nach 148 Jahren weiter Uhren produziert.

Rettung wie im Märchen

Es ist eine Geschichte wie ein Märchen, zumal in diesen Zeiten, eine Geschichte, bei der man den Haken suchen möchte, weil alle zufrieden sind: die Mitarbeiter, der Insolvenzverwalter, die Schramberger, die Gewerkschaft, die Händler und natürlich die Steims. Vielleicht aber klingt sie nur zu gut, weil solche Geschichten sonst anders ausgehen, weil die großen Namen in Deutschland so oft verschwinden oder in Hände fallen, die zu Klauen werden.

Kauf wegen "moralischer Verantwortung"

Nicht aber Junghans, das bis zum Herbst im Imperium von Egana Goldpfeil dämmerte, bis der Mutterkonzern selbst ins Taumeln geriet. "Wir haben die moralische Verantwortung gespürt, Junghans zu kaufen", sagt Hans-Jochem Steim. Was für ein Satz.

Leere Fabrikhallen

Wer die steile Straße in das alte Schramberg fährt, möchte sofort umkehren, um noch einmal hinabzufahren. Das Städtchen liegt im Tal, als sei es einmal vergessen worden. Es kauert zwischen den steilen Bergen, in ihm atmet alter Stolz, alte Größe, aber auch Verfall und Abstieg. Ein riesiges Junghans-Plakat an einer Hauswand, leere erhabene Fabrikhallen, die vor sich hin träumen wie verlassene Paläste. So viel Tradition kriecht aus jeder Fuge - was nur, will man fragen, ist hier passiert?

Schleichender Abstieg

Schramberg war einst Herz der deutschen Uhrenindustrie, und Junghans der Herzmuskel. 1903 der größte Hersteller der Welt, 3000 Beschäftigte produzierten über drei Millionen Uhren. Die Chronik verläuft paradox, es sind Jahrzehnte voller Erfindungen und Meilensteine - und doch eines schleichendes Abstiegs. 1920 die erste mechanische Armbanduhr Deutschlands, 1970 die erste deutsche Quarzarmbanduhr, 1972 das erste farbige Zielfoto für die Olympischen Spiele in München, die Hundertstel, gemessen von Junghans; 1990 die erste Funkarmbanduhr der Welt, die Mega 1.

Probleme durch falsche Produkte und Billigkonkurrenz

Und doch schrumpft Junghans, der Marktführer, fast unaufhörlich und irgendwann siecht er, es gibt Fehler, falsche Produkte und die Billigkonkurrenz aus Asien. 2000 spaltet die Nürnberger Diehl-Gruppe, zu der Junghans seit 1956 gehört, das Unternehmen: Die Wehrtechnik behält Diehl, die Uhren gehen an den Luxuskonzern Egana Goldpfeil, dessen Sitz in Hongkong ist. Schon damals geht in Schramberg "die Angst vor den Chinesen" um.

Alle paar Jahre eine große Sanierungsgeschichte

Wer in Zeitungsarchive schaut, wird seit den 90ern alle paar Jahre eine große Sanierungsgeschichte finden. "Die Leute haben viele Manager mit neuen Ideen kommen und gehen sehen, die verkündet haben: ,Ich habe Junghans saniert‘", sagt Hans-Jochem Steim. Der eine liebte Technik und verschätzte sich bei der Nachfrage, der nächste setzte ganz auf Funk. Der letzte große Name war Heinz Pfeifer, der Glashütte in Sachsen wiederbelebt hatte. Er kam 2005, straffte und sortierte die Modellpalette, ein Schritt, der heute noch als richtig gilt. Übrig geblieben sind in Schramberg, nach so vielen Jahren, 86 Mitarbeiter, 35.000 Uhren pro Jahr, zuletzt 13 Millionen Euro Umsatz.

Einstige Zulieferer

Nun also die Steims, Inhaber der Kern-Liebers-Gruppe, eines dieser Weltmarktführer, die sich in Deutschland verstecken, die überall drin sind, aber nirgendwo draufstehen: Kabelaufroller für Staubsauger, Sicherheitsgurte, Skilifte, Sägen und Rasenmäher, sie alle funktionieren nur mit Präzisionsfedern von Kern-Liebers. 470 Millionen Euro Umsatz, 50 Standorte, 5840 Mitarbeiter. Erfolgreich, tüchtig, klar, man beherrscht Technik, Qualität, Präzision, war sogar einst Zulieferer für Junghans. Was aber soll nun anders laufen?

Hilferuf vom Bürgermeister

Es beginnt mit einer Anfrage, die eigentlich ein Hilferuf ist. Am 22. September 2008 erhält Hans-Jochem Steim eine E-Mail vom Bürgermeister. Ob er sich vorstellen könne, bei Junghans einzusteigen. Bis dahin hat Steim, der Ehrenbürger der Stadt ist, nicht wirklich daran gedacht. Jetzt spricht er mit seinem Sohn, und der, ganze 30, ist schnell begeistert. Der Vater lässt den Bürgermeister wissen: "Bevor Schramberg Junghans beraubt wird, stehe ich bereit." Sie melden sich beim Insolvenzverwalter, sie prüfen Bücher und Businesspläne, besichtigen die Fabrik. Da geht schon ein Raunen durch die alten Räume, alle kennen sie doch. Etwa 20 Interessenten sind in Schramberg gewesen, mancher schielt klammheimlich nur auf die Marke. "Die IG Metall war froh, bekannte Gesichter zu sehen", sagt Steim senior. "Nicht einfache, aber bekannte."

"Zunächst alles per Handschlag gemacht"

"Im Januar ist alles klar. Die Investition stemmt die Familie privat, zwei Drittel der Vater, ein Drittel der Sohn. "Wir haben zunächst alles per Handschlag gemacht", erinnert sich Steim. Jubel in Schramberg! Schulfreunde rufen den Sohn an, an Fastnacht loben die Büttenredner, beim Umzug zeigt ein Motiv Scheichs, die mit ihren Kamelen wieder in die Wüste geschickt werden. "Da ging eine Welle los, die wir uns nicht vorstellen konnten", sagt Steim junior. "Erst langsam habe ich realisiert, was eigentlich passiert war. Aber das zeigt uns, dass der Name Junghans immer noch zieht."

Alles made in Germany

Der Vater, gebeugt über einen Kasten fabrikneuer Junghans-Racer-Chronografen, blickt auf und freut sich: "Und das ist alles made in Germany." Sein Sohn nimmt eine in die Hand und erzählt etwas über das Modell, wie ein Verkäufer, als wäre er noch auf der Inhorgenta, der Messe, die gerade in München war. Da kamen sie, Kunden und manche Konkurrenten, und haben gratuliert. Es gab neue Kontakte, alte wurden wiederbelebt. "Wir haben gesagt: Wir sind keine Heuschrecke, wir sind lokale Investoren, die den Namen hochhalten und die Geschichte verlängern wollen", sagt der Vater. "Wir wissen natürlich", sagt der Sohn, "dass wir noch nicht ernst genommen werden. Junghans war für viele kein Wettbewerber mehr. Aber die unterschätzen die Marke und unseren Willen."

"Wir wollen kein Museum"

Natürlich ist da ein Wille, die Steims sind keine Wohltäter, sie sind Unternehmer, Schwaben, sie wollen Erfolg haben. "Wir wollen kein Museum, wir wollen, dass sich das Investment auszahlt", sagen sie. Auch sie haben 30 Leute entlassen, die in eine Transfergesellschaft kommen. Mit der IG Metall hat der Vater ein Paket ausgehandelt: Die Wochenarbeitszeit geht in zwei Stufen bis 2010 von 35 auf 38 Stunden, dafür werden die Löhne leicht erhöht.

Geschäftsführer bleiben

Die beiden Geschäftsführer bleiben, denn die Steims schätzen ihre Arbeit: Werner Wicklein, ein Egana-Mann und Veteran der Branche, und Matthias Stotz, Uhrmachermeister in vierter Generation. "Der lebt die Uhr, wie ich es selten gesehen habe", sagt Steim senior. Operativ wollen sich die Steims eher sanft einmischen. "Wir wollen auf Dauer Junghans über Zahlen führen."

Ohne Schulden auf zu neuen Zielen

Wicklein, ein ruhiger Mann mit tiefer Stimme, ist sicher, dass diesmal alles anders wird. Mit den Steims sei das "eine charmante Lösung", sagt er und nennt die Unterschiede zu früher: "Bei Junghans wurden die Zeiger auf null gestellt." Die Schulden sind weg, Junghans ist von den Pensionen, die das Unternehmen erdrückt haben, befreit - das war Bedingung für den Deal. Auch der alte Fehler, sich nur auf eine Technik zu konzentrieren, sei Vergangenheit: Funk, Quarz, edle Mechanik, alles will Junghans anbieten.

Umstrukturierung ist Hauptarbeit

Und in der Tat, von innen wirkt das alte Gemäuer wie eine Wohnung, die gerade renoviert wurde. Vater und Sohn gehen über helle Flure, durch neue Konferenzzimmer und über neue Teppiche, und der Vater breitet die Arme aus und sagt: "Das ist eine besenreine Firma. Das ist modern, das ist sauber, das ist gut." Die Umstrukturierung, die Hauptarbeit, sagt er, habe Egana im Grunde erledigt. "Wie müssen jetzt ordentlich investieren, vor allem in Marketing. Die Kunden müssen wissen, dass Junghans wieder voll da ist."

Teil der Heimat

Es wirkt, als habe Egana einfach ein, zwei Atemzüge zu wenig Luft gehabt. Die Geschäftsführer hoffen nun, dass sie Sicherheit haben, nach 50 Jahren ist man nicht mehr Teil eines Konzerns. Sondern in Händen, die wie Junghans, Teil der Heimat sind. Die Steims sind nicht gekommen, um zu zocken oder weiterzuziehen. Natürlich, sie wollen Geld verdienen. Aber die sind Schramberger, und sie wollen jedem hier ins Gesicht schauen können.

Insolvenzmasse im Stadtmuseum

Etwas später am Tag zeigt Hans-Jochem Steim noch das Erbe von Schramberg: die Uhrensammlung im Stadtmuseum. Hier stehen ganze Vitrinen voller Tischuhren, Schwarzwälder Uhren, sowie die vier Meter hohe Arthur-Junghans'sche Kunstuhr, die 1900 auf der Weltausstellung in Paris gezeigt wurde. Allein im Depot lagern unzählige Uhren und Uhrwerke, ganze Regalmeter voller Wecker. Alles Teil der Insolvenzmasse. "Man stelle sich vor, das wäre nach Asien gegangen", sagt Steim, und man spürt endgültig, dass es ihm nicht nur um die Firma ging, dass er auch ein Retter ist. Er wollte diesen Schatz für seine Stadt bewahren.

"Firma, die man nur noch wachküssen muss"

Und was, wenn es schiefgeht? "Das darf nicht schiefgehen, das wäre furchtbar. Ich habe einen Ruf zu verlieren." Er hält inne, erinnert sich an eine Frau, die Armbänder an Gehäuse montierte. "Natürlich stellt man sich die Frage: Muss man das in Deutschland tun? Dann aber sage ich: Dafür muss Raum sein." Er zögert, ist sich dann wieder sicher, dass alles ein Erfolg wird. "Junghans", sagt er, "ist doch eine Firma, die man nur noch wachküssen muss."

FTD, Horst von Buttlar  

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