
15.04.2009, 17:22 Uhr | Spiegel-Online, Anne Seith
Spaß auf einer Tupperware-Party (Foto: Tupperware Deutschland GmbH)
Party trotz Abschwung: Der legendäre Plastikschüssel-Hersteller Tupperware macht auch in der Wirtschaftskrise beachtliche Geschäfte - mit Produkten, die teuer sind und niemand wirklich braucht.
Ein Leben ohne Peng-Schüssel kann sich Monika Wolf offensichtlich nicht mehr vorstellen. "Sie haben keine?", fragt sie erstaunt, um dann das Wundergefäß in ihrem weichen Hessisch ausführlich zu loben. Kein Hefeteig gehe mit der Peng-Schüssel mehr daneben. "Viele haben ja Angst davor, aber in der Schüssel kann nichts passieren." Der Deckel springe einfach auf, wenn die Masse ausreichend aufgequollen ist - mit einem vernehmbaren Knall. Peng. "Man kann natürlich auch andere Sachen reinmachen, net nur Hefeteig", sagt Monika Wolf.
Tupperware-Beraterin Bianca Roth sitzt daneben und sieht sehr zufrieden aus. Über eine Stunde hat die 34-Jährige im Haus von Wolfs Tochter "getuppert", was das Zeug hält: In geübtem Verkäuferinnen-Singsang pries sie den vier anwesenden Damen am hölzernen Esstisch den Quickchef zum Zerhäckseln aller denkbaren Nahrungsmittel an. Und die Dekobiene, die mittels eines ausgefeilten Pumpsystems Buttercreme- und Sahneverzierungen quasi von selbst auf die Torte zu zaubern scheint.
Roth erklärte den neuen Schnappdeckel bei der Behälterserie Eidgenossen und die Naschkätzchen-Boxen, bis es vollkommen logisch erschien, selbst die gewaltigsten Tupper-Bestände in der eigenen Küche noch um dieses Kleinod zu ergänzen. Das billigste Teil, das im Katalog zu finden ist, kostet 12,90 Euro.
Jetzt läuft die Party im hessischen Jossgrund von selbst. Die Frauen knabbern Brot mit Quark und Süßigkeiten, blättern im Katalog - und übertreffen sich mit sachkundigen Kommentaren zu dem legendären Plastikgeschirr. Die Salatschleuder hat seit neuestem eine eingebaute Bremse? War ja schon ohne praktisch, erklärt eine der Frauen - nicht nur für Salat, sondern auch zum Trocknen empfindlicher BHs. "Wenn man sie nicht in die Waschmaschine stecken will." Schallendes Gelächter. Es sind Szenen, wie sie sich schon seit mehr als 60 Jahren in unzähligen Wohnzimmern der Welt abspielen.
1946 brachte der Chemiker Earl S. Tupper die ersten luftdicht verschließbaren Plastikschüsseln auf den Markt, Anfang der fünfziger Jahre stieg die erste Tupperparty. Inzwischen stapeln sich die legendären Plastikprodukte in Küchenschränken in rund hundert Ländern. Der Absatzweg ist weltweit immer der gleiche: Eine Beraterin kommt zu einer geneigten Kundin nach Hause, die Freunde und Verwandte einlädt. Die Tupperware-Vertreterin bekommt Provision, die Gastgeberin Geschenke. Je mehr verkauft wird, desto mehr darf sie sich aussuchen.
Inzwischen ist die Armee der Beraterinnen auf weltweit 2,2 Millionen angewachsen. Die sind nicht nur im Namen der Tupperware unterwegs, wie CEO Rick Goings findet - sondern auch im Namen der Frauenbewegung. "Es ist wundervoll zu sehen, was Tupperware für diese Frauen bedeutet", schwärmt der Manager, der trotz seiner 63 Jahre immer noch jugendlich-dynamisch wirkt. Hemd und Krawatte lässt er weg, stattdessen trägt Goings einen schwarzen Rolli unter dem Sakko. In manchem Schwellenland bringe eine Tupperware-Beraterin mehr Geld nach Hause als ihr Ehemann, sagt er. "Bei uns können sie Karriere machen."
Dem Konzern, zu dem auch diverse Beauty-Marken gehören, bescheren die Frauen dabei freilich satte Umsätze. Selbst im Krisenjahr 2008 hat die Party kein Ende genommen. Insgesamt steigerte der Konzern seinen Umsatz um acht Prozent auf 2,2 Milliarden Dollar. Allein die Tupperware-Produkte sorgten dabei für 1,451 Milliarden Dollar - verglichen mit 1,262 Milliarden Dollar 2007. "In Frankreich hatten wir 2008 ein Wachstum wie seit zehn Jahren nicht mehr", freut sich Goings.
Im Geburtsland der Haute Cuisine wurden die ziemlich altbackenen Partys gründlich modernisiert. "Wir haben zum Beispiel eine Veranstaltung, die heißt 'Dekadente und delikate Desserts'", sagt Goings. "Den Frauen wird gezeigt, wie sie Schokoladen-Mousse machen, dabei trinken sie Martinis. Und reden über ihre Männer", erklärt der Tupperware-Chef.
Auch in Deutschland sollen die Feten künftig hipper werden, er wolle stärker in die urbanen Zentren, sagt Goings. Berliner, Frankfurter und Hamburger sollen künftig genauso begeistert das Polyethylen feiern wie Kundinnen in ländlicheren Gefilden.
Goings Leidenschaft für sein Plastikgeschirr ist gelebt. Er verbreitet seit Jahren unermüdlich, dass er auf einem Foto vom Frühstückstisch der Queen Tupperware entdeckt hat und hat unzählige Geschichten auf Lager, die den Eindruck erwecken, jeder Mensch unterhalte sich regelmäßig über Aufbewahrungsboxen und Mikrowellenbüchsen.
"Eine Fernseh-Produzentin erzählte mir neulich, bei ihrer Mutter hätte es gebrannt - und am meisten habe sie über die verlorene Tupperware gejammert", sagt Goings. Dann berichtet er begeistert von dem russischen Journalisten, den er jüngst traf: Der Mann konnte demnach gar nicht glauben, wie gut ein Tupperware-Eiskugelformer die Hitze behält, nachdem man ihn in heißes Wasser getunkt hat. "Er sagte: Was für eine großartige Idee. Und fragte dann, ob er ihn behalten kann", sagt Goings und lacht herzlich wie über einen guten Witz.
Es wundert kaum, dass die ausuferndsten Tupper-Feste bei ihm zu Hause stattfinden. Plastikgeschirr im Wert von 4000 Dollar hat der 62-Jährige gemeinsam mit seiner Frau Susan den Gästen das letzte Mal bei einer Charity-Veranstaltung aufgequatscht. Wer die beiden einmal erlebt hat, zweifelt keine Sekunde an diesem Erfolg. Sie wirken, als wären sie direkt einem Tupperware-Werbespot entstiegen.
Elf Jahre sind die Goings verheiratet - und turteln wie am ersten Tag. "Sie war früher Anchor-Woman bei einem Fernsehsender", sagt er mit unverhohlenem Stolz. Die gepflegte, blonde Frau zeigt ein strahlendes Lächeln und erklärt: "Ich wusste nach einem Monat, dass ich ihn heiraten würde."
Dann erzählt sie voller Inbrunst von den neun Kindern, drei hat sie mit in die Ehe gebracht, sechs er - und von den Bergen von Tupperware, die sich bei einer solchen Großfamilie unweigerlich ansammeln. "Die Produkte werden von einer Generation an die nächste weitergereicht", setzt er daraufhin ein. Sie erzählt von der "tollen Pfannkuchenschüssel", die sie von ihrer Mutter geerbt hat. Das Paar kabbelt sich kurz: "Wenn wir Pizza bestellen, zählt das für sie als kochen", witzelt er. Schon schwärmt sie wieder von den dreieckigen Pizza-Behältern, in der man die Reste portionsweise im Kühlschrank aufeinander stapeln kann.
Eigentlich ist Goings Frau das beste Beispiel, wie das Prinzip Tupperware funktioniert. Der Plastikwaren-Hersteller ist teuer - eine Gemüsereibe kann schon mal 30,90 Euro kosten, eine Isolierkanne 62,90 Euro. Dafür gibt es wohl wenige Handgriffe in der Küche, die das passende Tupper-Produkt nicht erleichtern könnte.
Der deutsche Großstädter kann seinen Cappuccino dank der Crema-Momenti-Kanne mit sattem Milchschaum versehen, die koreanische Hausfrau das traditionelle Kimtschi-Kraut in einer speziellen Schüssel aufbewahren, die auch den wegen des Fermentierungsprozesses nötigen Druckausgleich einfach macht. Es gibt Kasserollen, die aus dem gleichen Material sein sollen wie das Hitzeschild des Space Shuttle, Mikrowellengeschirr, über das Trucks rollen können, Tabletts mit speziellen Löchern für die Herstellung von Ravioli oder Windbeuteln. Und für alles gilt lebenslange Garantie.
Deshalb stellen sich selbst Party-Stammgäste wie Monika Wolf und die übrigen Gäste in Jossgrund immer neue Schüsseln und Boxen ins Regal. "Eigentlich hat man ja schon viel", sagt eine der Frauen beim Blättern im Katalog. Und bei so mancher Schüssel sei ihr der Preis dann doch zu hoch. Die anderen Frauen nicken. Und kaufen am Ende doch für mehrere hundert Euro ein.
Spiegel-Online, Anne Seith
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