
04.06.2009, 10:16 Uhr | FTD, Georgia Hädicke
Alte Visitenkarten lassen sich ganz kreativ umgestalten. (Foto: Cardsofchange.com)
Nach einer Kündigung muss man seine Visitenkarten nicht wegwerfen: Man kann sie bemalen und bekritzeln und an Tom Van Daele schicken. Der will mit seiner Kartenwebsite ein Zeichen in der Krise setzen.
Der Büroschlüssel ist abgegeben, die Abschiedsmail an die Kollegen geschrieben, der Arbeitsplatz leer geräumt. Am Ende bleibt nur ein Stapel Papprechtecke vom alten Job übrig: das Päckchen mit den Visitenkarten. Die braucht in der Firma jetzt auch keiner mehr. Bleibt die Frage, was man mit diesen Erinnerungsstücken an den Arbeitgeber machen soll. Klar, man könnte die Karten wegschmeißen, zerreißen oder verbrennen. Aber man kann sie auch benutzen, um sich mit ihnen neu zu erfinden. Zumindest ein bisschen.
Um zu zeigen, wie das geht, hat der Werbefachmann Tom Van Daele eine Website für arbeitslose Optimisten gestartet: Bei Cardsofchange.com kann jeder ein Bild seiner selbst umgestalteten Visitenkarte hochladen. Jene Kärtchen, die früher in den Händen von Kunden oder Geschäftspartnern landeten, werden von ihren Besitzern bekritzelt, betuscht, bemalt oder gefaltet. "Flying away!" hat zum Beispiel ein ehemaliger Agenturangestellter aus der Werbebranche auf seine Karte geschrieben und ein Papierflugzeug aus ihr gebastelt.
"Wenn man entlassen wird, erwacht bei vielen Menschen der Überlebensinstinkt" , sagt Tom Van Daele. "Dann entstehen die kreativsten und innovativsten Ideen." Das Projekt hatte er in seiner Werbeagentur in Kalifornien ursprünglich für einen Klienten entwickelt, der sie dann nicht umsetzte. Da machten sich Van Daele und seine Kollegen selbst ans Werk. Viele der Visitenkarten kommen aus der krisengeplagten Werbeindustrie, doch Van Daele betont, dass seine Website branchenübergreifend arbeite. Schließlich gibt es mittlerweile etwas, das Grafikdesigner, Autobauer, Marketingleute und Ärzte vereint: Sie alle müssen den Verlust gut bezahlter Jobs verkraften.
Betroffene müssen vor allem erst einmal lernen, sich ihr Scheitern einzugestehen: "Es ist keine leichte Aufgabe, die Leute dazu zu bringen, ihre Karten bei uns zu zeigen und damit zuzugeben, dass sie arbeitslos sind", sagt Van Daele. "Das ist immer noch ein Stigma." Die Visitenkarten seien in so einer Situation auch mehr als nur ein Stück Pappe: "Für die Zeit, die man in einer Firma arbeitet, ist die Karte die eigene Identität. Wenn man seinen Job verliert, weiß man plötzlich nicht mehr, wer man ist, man verliert sein Selbstbewusstsein, man weiß mit sich und dem eigenen Leben nichts mehr anzufangen."
Die Besitzerin dieser Karte findet ihr Leben nun süßer als bisher. (Foto: Cardsofchange.com)
Die Umgestaltung der eigenen Visitenkarten kann zwar weder vor finanziellen Engpässen noch vor Zukunftsängsten schützen, doch Van Daele setzt auf die therapeutische Wirkung seines Projekts. Jeder gehe mit der Arbeitslosigkeit nun mal anders um - und das zeige sich auch auf den Karten. Manche nutzen sie für einen humorvollen Seitenhieb gegen den alten Job ("Keine Bürohölle mehr. Ich arbeite an meinem Küchentresen. Schuhe tragen ist nicht vorgeschrieben"), andere widmen sich neuen Projekten ("Hab meine Hochzeit geplant" oder auch: "Kalifornien, ich komme!"). Ein Designer wiederum gibt bekannt, dass er sein Leben gleich ganz umgekrempelt hat: "Marten Sims designt nicht mehr für die Typen, die sich Philosphy nennen. Er ist auf Reisen gegangen und hat fünf Monate Freiwilligendienst auf den Galapagosinseln geleistet. Jetzt kann man ihn in Vancouver finden."
Cardsofchange.com ist seit etwa einem Monat online und hat in dieser Zeit rund 80 Karten gesammelt. Das Projekt solle aber nicht nur Spaß machen, sondern auch ein Porträt unserer Zeit werden, sagt Van Daele. Dieses wird demnächst auch als Buch erscheinen - das ist jedenfalls der Wunsch des Werbemanns. Damit möchte er seinen Beitrag dazu leisten, dass sich die Leute ihre positive Einstellung bewahren: "Diese Menschen möchten zeigen, dass sie nicht aufgeben und etwas tun wollen, anstatt nur still in der Ecke zu sitzen." Auch wenn dieser Aufruf zum Trotz gegen die Resignation bisweilen sonderbare Blüten treibt. "Now I steal office supplies from MYSELF", verkündet eine neue Karte auf der Website - "Jetzt klaue ich Schreibwaren bei mir selbst!"
FTD, Georgia Hädicke
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