WhistleblowerWenn Mitarbeiter ihre Chefs verpfeifenErschienen am 20. November 2008 | t-online.de/business / sia
Korruptionsranking - Das sind die Saubermänner und die Schmiermeister Ärger mit Kollegen - Der "Arschloch-Faktor" Konflikte im Beruf - Was Sie tun können Konflikte im Beruf - Das sollten Sie vermeiden Download - eBook Personalbeurteilung im Unternehmen Finanzchef hat ausgepacktIhm waren Rechnungen einer Frau aufgefallen, die mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung Luxusreisen unternahm. Die ließ er zunächst durchgehen. Bald aber forderte die Dame für angeblich von ihr verfasste Marktstudien mehr als 40.000 Euro. Das wurde dem Controller zu heikel: Er informierte die Firmenspitze. Was dann folgte, erzählte er im Interview mit manager-magazin.de.Psychoterror bis zur KündigungDie Firmenleitung zog nämlich zur Überraschung des Tippgebers nicht etwa den Übeltäter zur Verantwortung. Stattdessen präsentierte die interne Revision dem Whistleblower bald einen - fingierten und augenscheinlich rückdatierten - Beratervertrag der Frau mit der Firma. Man empfahl ihm außerdem, an seiner Einstellung zu arbeiten. Der Mann war danach reinem Psychoterror ausgesetzt. Schließlich wurde er entlassen.Download - eBook Führungstechniken Trainer Download - eBook Professionelle Konfliktlösung Informant oder lästiger Querulant?"Whistleblowing" heißt auf Deutsch "die Pfeife blasen", frei übersetzt auch "verpfeifen". Ob Unternehmen Whistleblower als Informanten nutzen oder lästige Querulanten abstempeln, hängt stark von der Position des Beschuldigten ab. Hat etwa ein Angestellter aus der unteren Firmenhierarchie Geld unterschlagen, geht man dem Hinweis meist ohne Weiteres nach, sagt Guido Strack vom Whistleblower-Netzwerk. Die Kölner Initiative kümmert sich seit 2006 um Whistleblower-Schutz. Negative Konsequenzen habe der Whistleblower in dem Fall kaum zu erwarten, so Strack. Sind dagegen Mitglieder der Führungsebene an üblen Schiebereien beteiligt, sitzt er schnell auf dem Schleudersitz.Kultur des SchweigensDie Geschichte des Finanzchefs deckt sich mit Stracks Erfahrung: Wenn nicht wahr sein darf, was aufgedeckt wird, versuchten Firmen oft, den "Nestbeschmutzer" unglaubwürdig aussehen zu lassen. Um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, werde lieber vertuscht als aufgeklärt. Der Whistleblower werde stärker überwacht, auf niedere Posten abgeschoben, am Ende gekündigt. Weil Mittelständler in der Region zudem oft über die Hausmacht verfügen, haben Whistleblower aus ihren Reihen laut Strack einen besonders schweren Stand. Viele, die wohl merken, dass es in ihrer Abteilung "stinkt", schweigen deshalb lieber. Die einen aus Angst vor Repressionen, die anderen, weil sie resignieren, ganz nach dem Motto: "Gegen die da oben komme ich doch nicht an". In vielen Betrieben herrsche eine "Kultur des Schweigens", erklärt Strack. Weil die anderen Kollegen auch den Mund halten, wage niemand sich mit brisantem Wissen nach vorn.Whistleblowing aus PflichtbewusstseinDabei werden oft gerade engagierte, pflichtbewusste Angestellte zu Whistleblowern, so der Experte. "Betrug an der Firma zu verhindern gehörte zu meinen Pflichten als Finanzchef. Ich musste etwas tun", erklärte der Finanzchef aus dem oben genannten Beispiel. Solche Mitarbeiter zu feuern, kann kaum im Interesse des Unternehmens liegen. Inzwischen haben die Chefs dazugelernt: In vielen Firmen wird derzeit an Systemen gearbeitet, die es Mitarbeitern erleichtern sollen, dubiose Praktiken zu melden. Ein guter Fortschritt, findet Strack. Denn der Whistleblower sehe meist nicht die gesamte Situation. Chefs, die ihm zuhören, haben Gelegenheit, Missverständnisse auszuräumen. Und so eventuell öffentliche Skandale zu verhindern. Gerade eigentümergeführte Firmen, die langfristig planen, sollten sich deshalb Gedanken zum Thema machen, rät Guido Strack.Rechtsanwälte als OmbudsmännerFirmen könnten natürlich versuchen, sich erst einmal intern für eine Lösung einzusetzen, sagte Dr. Rainer Buchert im Gespräch mit Zeit Online. "Häufig aber ahnt man nicht, wer alles an der Sache beteiligt ist, und kann es deshalb im Unternehmen nur schwer ansprechen." Der Frankfurter Rechtsanwalt arbeitet als Ombudsmann, also als Ansprechpartner für Mitarbeiter, die bemerkt haben, dass in ihrer Firma etwas schief läuft. Er leite - meist nach einem persönlichen Treffen - den Vorfall an eine Untersuchungskommission des betroffenen Betriebs weiter, erzählte Buchert.Vorteile für beide ParteienSo ein neutraler Vermittler hat Vorteile für beide Seiten. "Wenn ein Fehlverhalten oder ein Korruptionsfall vorab bei einer Ombudsstelle bekannt wird, gewinnt das Unternehmen ein wenig Zeit und hat ein bisschen mehr Handlungsspielraum, um zu reagieren", sagte Christoph Hauschka von der Rechtsanwaltsgesellschaft Luther in München kürzlich der Financial Times Deutschland, FTD. Der Whistleblower wiederum bleibe anonym und brauchte keinen Rausschmiss zu fürchten. Zudem müssen Ombudsleute nicht unbedingt teuer sein: Ein Anwalt, der stundenweise telefonisch erreichbar ist, schreibt normalerweise erst Rechnungen, wenn er wirklich tätig geworden sind.Vermittlungsstelle lohnt auch für kleinere UnternehmenWann aber lohnt sich ein Ombudsmann oder eine Hotline, unter der Anrufer ihre Bedenken äußern können, für kleine und mittelgroße Betriebe? "Sicherlich sollte ein Unternehmen mit 500 oder mehr Mitarbeitern eine Ombudsstelle oder eine Whistleblowing-Hotline in Erwägung ziehen", so Hauschka im FTD-Interview. Aber auch wenn in Firmen mit nur 200 Beschäftigten 150 Angestellte als selbstständige Agenten in 30 Ländern arbeiten, die viel Geld bewegen, mache so eine Maßnahme Sinn. "Es hängt also entscheidend von der Art der Gefahren für das Unternehmen ab, ob eine solche Stelle eingerichtet werden sollte".Digitaler OmbudsmannQuasi einen digitalen Ombudsmann bietet die Potsdamer Softwarefirma Business Keeper an. Ihr Computerprogramm BKMS funktioniert ähnlich wie eine Postbox, erläutert Unternehmens-Vorstand Kai Leisering. Mitarbeiter haben die Möglichkeit, über einen Link auf der Firmenwebsite anonym ihre Beobachtungen abzuschicken. Auch Geschäftspartner können zum Beispiel dubiose Auftragsvergaben oder Korruption über das System melden. Und das zu jeder Tages- und Nachtzeit. "Einzigartig ist", sagt Leisering, "dass der zuständige Ansprechpartner der Firma auf die Hinweise auch antworten kann."Ein Anfang, aber noch nicht genugNoch nutzen Leisering zufolge weniger als zehn Prozent der Unternehmen in Deutschland ein solches System. Sinnvoll sei es in jedem Fall für international tätige Betriebe, wo Zeit- oder Sprachbarrieren oft ein Hindernis darstellen. Dasselbe gelte, wenn per Gesetz ein Whistleblowing-System für börsenaktive Firmen vorgeschrieben werde - wie in den USA. Für Guido Strack hingegen ist das ein Anfang, aber noch nicht genug. Er plädiert für eine vom Unternehmen abgekoppelte Lösung. Ein Meldesystem, das beispielsweise den Aufsichtsrat der betroffenen Firma einbeziehe, verliere an Glaubwürdigkeit. Sinnvoller wäre eine unabhängige Schiedsstelle als Kontrollinstrument, an die sich Whistleblower wenden könnten.
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